Friedliches miteinander Spielen, sich gegenseitig helfen, auf Kompromisse eingehen, die anderen vorlassen, vorbildlich teilen und stets aufeinander Rücksicht nehmen. So sieht die Idealvorstellung aus, die viele Eltern und Pädagogen von Kinderfreundschaften haben.
Die Realität auf den Spielplätzen, Schul- und Hinterhöfen ist allerdings eine andere. Bereits die Kleinsten wissen sich oft schon auf übelste Weise ihren Mitspielern gegenüber zu ereifern – wenn es etwa darum geht, Besitztümer im Sandburgenuniversum zu verteidigen. Die etwas Größeren bilden häufig Cliquen und bestimmen lautstark darüber, wer im guten, im bösen und wer in gar keinem Team mit von der Partie ist. Irgendwann im Laufe des Kindergartens, spätestens aber ab der Volksschule kommt das typische Geschlechter-Gerangel dazu und zwischen Mädchen und Burschen fliegen mitunter die Fetzen.
Freundschaften haben viele Gesichter
Viele Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte beißen sich oft regelmäßig die Zähne daran aus, wie mit diesen Auseinandersetzungen umzugehen ist. Was ist normales Kinderspiel und wo beginnt soziale Ausgrenzung? Wann wird aus einem „du darfst nicht mitspielen“ Mobbing? Wann müssen Erwachsene eingreifen? Um eine diesbezügliche Einschätzung zu treffen, muss man zunächst einmal wissen, dass die Art und Weise, wie Kinder miteinander umgehen, von ihrem jeweiligen Entwicklungsstand abhängt. „Die Erlebnisse eines Kindes spiegeln meist charakteristische Interaktionsmuster für die jeweilige Lebenssituation wider“, weiß die Psychologin, Lern- und Bindungsforscherin Stefanie Ritzler.
Kleinkinder spielen demnach vorwiegend nebeneinander her. Noah saust mit seinem Lastauto durch die Gegend, während Elina neben ihm ihr Spielzeugholzpferd über die Wiese hüpfen lässt. Von Zeit zu Zeit halten beide inne, beobachten einander und wollen vielleicht auch einmal Spielzeug tauschen. „In diesem Alter bedeutet spielen mit Gleichaltrigen also hauptsächlich, sich parallel mit etwas Ähnlichem zu beschäftigen“, weiß Ritzler. Freilich gibt es dabei auch Konflikte und es wird mitunter vehement darüber gestritten, wer mit welchem Gegenstand spielen darf, wem was gehört oder wer was zuerst haben darf.
Im Kindergartenalter kommen dann Regelspiele neu dazu. Zum Beispiel Verstecken spielen oder auch Brettspiele. „Mit der zunehmenden Fähigkeit, die Perspektive anderer zu übernehmen, entwickelt sich auch das Rollenspiel. Kinder inszenieren Sequenzen aus dem Alltag wie Mutter, Vater, Kind und erklären das jüngste Kind vielleicht sogar zum Hund der Familie“, erzählt die Erziehungspsychologin. Willkommen also in der Phase, in der die Kinder sich zu zweit oder in kleinen Gruppen in Räuber, Piraten, Ponys oder Prinzessinnen verwandeln. Und erstmals taucht dabei auch das Thema auf, wer mitmachen darf und wer außen vor bleibt. Schließlich erfordern solche Spiele bereits Verhandlungen darüber, wie das Spiel aufgebaut ist, welche Regeln es eventuell gibt und wem dabei welche Rolle zukommt. „Nein, du nicht!“, „Geh’ weg!“ oder „Wir sind hier am Spielen und wollen dich/euch nicht dabei haben!“ Solche Sätze bekommen Eltern und Pädagogen also bereits im Kindergartenalter regelmäßig zu hören.

„Die lassen mich wieder nicht mitspielen!“
Das Ausschließen und ausgeschlossen werden nimmt laut Entwicklungspsychologen im Schulalter weiter zu. Ab da würden sich Mädchen und Buben auch intensiver mit ihren Geschlechterrollen auseinandersetzen und demnach beginne hier zusehends eine Ausgrenzung nach außen. Paul findet Samira plötzlich „blöd“ und auch Samira lässt schon einmal einen abfälligen „Buben-sind-dumm-Kommentar“ fallen, wenn sie mit jemandem aus der männlichen Fraktion eine schulische Aufgabe übernehmen soll. Jene – meist wenigen – Kinder, die sich vom leidigen Buben-Mädchen-Gezetere unbeeindruckt zeigen und dennoch miteinander spielen, müssen mit der einen oder anderen spöttischen Bemerkung rechnen. „Tobias und Lena sind ineinander verliebt“ wird dann oft gemeckert. So nach dem Motto: Ein Bub in dem Alter, der freiwillig mit einem Mädchen spielt – das kann ja nur mit Küssen enden, wenn nicht gar vor dem Traualtar.
Ganz typisch für diese Phase seien auch intensive Vergleiche. Besonders wichtig also, wer gerade die tollsten Spielsachen hat. Oder die längsten Haare. Die besten Sticker oder Tauschkarten. Oder wer am schnellsten laufen kann. Und nicht zu vergessen: wer die meisten Freunde hat. Damit verbunden sind naturgemäß jede Menge Reibereien unter den Kindern, die meist aber auch schnell wieder vergeben und vergessen sind.
Was oft bleibt: Gerade im Verlauf der Volksschule bilden sich ziemlich stabile Cliquen. Indem Kinder entscheiden, wer Teil ihrer Runde sein darf und wer nicht, erleben sie kurzfristig ein Gefühl von Überlegenheit und Exklusivität. Dies sei laut Experten nichts anders als Teil ihrer Identifikationsbildung und Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls einer Gruppe. Eine gewisse Rivalität zwischen den Angehörigen verschiedener Gruppen ist – so betonen es die Experten – Teil der normalen Entwicklung. Schließlich werde mit dem Anfeinden und Streiten auch gelernt, wie Regeln verhandelt werden, die Durchsetzungsfähigkeit werde gesteigert und letztendlich laufe es darauf hinaus, dass trainiert werde, wie man aufeinander Rücksicht nimmt und Kompromisse eingeht.
„Lasst doch alle mitspielen!“
Doch ab wann wird es kritisch? Viele Erwachsene beobachten die Dynamiken der verschiedenen Gruppenbildungen von Kindern und Abgrenzung nach außen oft mit Sorge. Nicht selten ist seitens der Eltern und auch Lehrpersonen der Satz zu hören: „Ihr müsst alle Kinder mitspielen lassen“ oder „jeder muss mitmachen können“. Forderungen, die – so sagen es Psychologen – leider ziemlich realitätsfern sind. Denn Hand aufs Herz: Welcher Erwachsene geht mit allen Leuten aus der Arbeit auf ein Bier oder lädt andere, x-beliebige Eltern zum Brunch ein? Von wegen „wir lassen alle mitmachen“ – am Ende stehen immer die gleichen Grüppchen Leute beinander und es ist ziemlich eindeutig, wer zum engen Freundeskreis zählt oder welche Freunde man lieber nicht gleichzeitig an einen Tisch setzt. Kinder und Jugendliche hingegen seien in Bezug auf ihre Sozialkontakte viel weniger selektiv, würden sich im Alltag oft ziemlich schwer dabei tun, unliebsamen Menschen aus dem Weg zu gehen und sich demnach vielfach arrangieren. Schon allein deshalb, weil es meist einen bestimmten Zwang von außen gäbe, der festlegt, mit wem sie einen Großteil ihrer Zeit verbringen, in welche Klasse sie also gehen oder wen sie im Freizeitverein treffen.

Wenn sozialer Ausschluss weh tut
Gruppenbildungen, gelegentliches nicht mitspielen dürfen, auch die Abgrenzungen zwischen Buben und Mädchen und die typischen Streitereien darüber, wer in gewissen Bereichen „toller“ ist, gehören also ein Stück weit zur normalen Entwicklung. Doch Ausgrenzungen können auch zu Mobbing-Situationen führen. Stephanie Ritzler dazu: „Problematisch wird es, wenn einzelne Kinder über einen längeren Zeitraum hinweg systematisch ausgeschlossen, geärgert, beschämt oder gequält werden“.
Viele Mobbinghandlungen sind viel subtiler als körperliche Angriffe und werden daher besonders häufig unter den Tisch gekehrt. Erwachsene trösten sich oft mit Floskeln wie „so sind Kinder halt“, „das gab es früher auch schon, das geht vorbei“, „einer muss halt immer herhalten.“ Systematisches Ausschließen ist jedoch kein Spiel, sondern beruht oft auf einer komplexen Gruppendynamik, die meist einen Verlauf nimmt, den die beteiligten Kinder mit der Zeit selbst kaum mehr richtig einschätzen können. Wenn Menschen ausgeschlossen werden, wird unser Schmerzzentrum aktiviert. Hämisches Lachen, abwertende Kommentare und ausgrenzen werden von unserem Gehirn als schmerzhafte Fausttritte empfunden. Die Forschung zeigt sogar, dass Mobbingerfahrungen das Risiko erhöhen, Ängste, Depressionen und sogar Selbstmordgedanken zu entwicklen.
Deshalb ist es so wichtig, dass Mobbing aufgelöst wird und jeder die Verantwortung übernimmt, die Situation eines betroffenen Kindes zu verbessern. Liegt die Vermutung nahe, dass das eigene Kind an Mobbing beteiligt ist, brauchen Eltern Mut, um nicht davor die Augen zu verschließen, dass gerade die eigenen Schätzchen anderen Kindern das Leben schwer machen. Mit Vorwürfen, Belehrungen und Bestrafungen komme man nicht weit. Das könne oftmals sogar den Hass des Kindes auf das Opfer schüren. Stefanie Ritzler rät dazu, dem Kind möglichst objektiv mitzuteilen, was sie beobachtet haben. Zum Beispiel: „Jonas geht es im Moment nicht gut. Er ist immer alleine unterwegs und wirkt traurig“. Sinnvoll sei es auch, dem Kind klar zu machen, dass es nicht mit jedem Kind super befreundet sein müsse, aber jedes Kind ein Recht darauf habe, sich am Spielplatz oder in der Schule wohlzufühlen. Das beteiligte Kind sollte selber überlegen, wie es dazu beitragen könne, dass das „Opferkind“ sich wieder besser fühlt. Mit dem noch so vernünftigen Satz „Das muss dich doch nicht kümmern, was andere sagen!“ sei betroffenen Kinder übrigens keinesfalls geholfen. Unserem Gehirn ist es nämlich alles andere als egal, was andere über uns denken oder sagen.
„Soziale Bedürfnisse nach Anschluss, Anerkennung und Partizipation haben dem Menschen über Jahrtausende hinweg das Überleben gesichert“, so Ritzler. „Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und braucht die Orientierung am anderen und das Angenommen werden“. Vielmehr also gilt es zu überlegen, wie Eltern in solchen schwierigen Situationen ihren Kindern den Rücken stärken können.
Und wie gemeinsam mit Hilfe aller Beteiligten Wege gefunden werden, die Situation aufzulösen – ohne Strafen und Vorwürfe auf der einen und ohne Rachefeldzüge auf der anderen.
