Autor: Martin Mühl
Sie haben als Bürgermeister Ihre Aufgabe mit viel Einsatz wahrgenommen und viel erreicht. Nun stellen Sie Ihre Familie vor den Beruf. Wie ist es dazu gekommen?
Stefan Salzmann: Ich bin seit August 2020 Bürgermeister der Marktgemeinde St. Paul mit 3300 Einwohner:innen und bin relativ jung, mit 36 Jahren, Bürgermeister geworden. Die letzten fünf, sechs Jahre waren intensiv. Seit der Eröffnung des Intercity-Koralmbahnhofs sind wir direkt mit Wien, Triest oder auch Zürich verbunden, es gibt einen mit 30 Millionen Euro budgetierten interkommunalen Technologiepark mit neun beteiligten Gemeinden, ein Hochwasserschutzprojekt oder auch die Erhöhung der Kinderbetreuungsplätze. Bürgermeister:in ist ein 7-Tage-Job – und ich bin stolz auf meine Bilanz. Nach der Geburt unseres Kindes war ich mit meiner Partnerin, einer Juristin, bei der Rechtsberatung und musste feststellen, dass es in Kärnten für Bürgermeister:innen keine Möglichkeit für eine Karenz gibt. Als Bürgermeister bekommt man im rechtlichen Sinn, obwohl man Sozialversicherung zahlt, kein Gehalt, sondern eine Aufwandsentschädigung. Ich werde meine Zeit als Bürgermeister bis zum Ende ausführen und dann ordentlich übergeben.
Eine Karenzregelung für Bürgermeister:innen gibt es nur in wenigen Bundesländern? Welche Regelung wünschen Sie sich?
Mein Vorschlag wäre, dass die Bürgermeister:innen in den knapp 2.100 Gemeinden mit den Lohnnebenkosten einen kleinen Solidarbeitrag leisten, der dann für solche Fälle und auch Pflegekarenzen für ältere Mandatare absichert. Das Gesetz stammt noch aus der Nachkriegszeit, damals waren Bürgermeister meist Männer über 60 und Dorfälteste – da gab es dieses Thema nicht.
In Kärnten ist eine Bürgermeisterin Mutter geworden und war mit ihrem drei Wochen alten Kind schon wieder im Amt. Das ist sehr hart – das sind unsichtbare Barrieren, die Frauen von Führungspositionen in der Kommunalpolitik fernhalten.Ich wünsche mir eine Vereinheitlichung und Gesetzesänderung.
Warum soll es neun unterschiedliche Regelungen geben, die Probleme sind überall dieselben. Wenn jede:r Bürgermeister:in einzahlt, könnte die Gemeinde während der Karenz entlastet werden. Der Bürgermeister könnte Aufgaben an eine andere Person wie Vizebürgermeister:innen delegieren und trotzdem ein volles Gehalt beziehen. Das würde die Demokratie breiter aufstellen.
Wie definieren Sie die Vaterrolle? Was bedeutet es für Sie, Vater zu sein?
Für mich gelten hier zwei Sprüche: „Ganze Männer machen halbe-halbe.“ Und: „Männlichkeit kann bedeuten, dort zu sein, wo man am meisten gebraucht wird.“ Und das ist vielleicht nicht die Gemeinde, sondern die Familie. Es fühlt sich nicht gut an, nicht da zu sein. Jede Stunde mit den Kindern ist wertvoll.

Sieht man sich die Statistik an, gehen allgemein relativ wenige Väter in Karenz. Wie kann man das ändern?
Es geht um ungeschriebene Gesetze, um das Dienstrecht und darum, wie etwas gelebt wird. Die Betriebskultur ist oft noch konservativ und traditionell. Viele wollen beruflich weiterkommen und gehen deshalb nicht in Karenz – oder weil der Mann besser verdient. Eigentlich sollten beide diese Möglichkeit nutzen können.
Im öffentlichen Bereich wird es mittlerweile akzeptiert, im privaten Bereich noch nicht überall. Jüngere Unternehmen sind vielleicht offener. In manchen Branchen kann sich eine Karenz negativ auf die nächste Beförderung auswirken.
Wissen Sie schon, was Sie danach beruflich machen werden? Worauf freuen Sie sich besonders während der Karenz?
Vor meiner Zeit als Bürgermeister war ich in der Automobilindustrie tätig. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne im Naturschutz arbeiten, etwa im Gewässerschutz.Ich freue mich darauf, Zeit zu haben und wirklich da zu sein. Die Beziehung zum Kind aufzubauen und dabei viel zu lernen.
Ich finde es besser, diese Dinge persönlich zu machen, statt jemanden dafür zu bezahlen. Manche sehen das so, andere nicht. Aber wer das möchte, dem sollte es möglich sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das normal wird.
Ich würde allen Familien raten, nicht zu sehr darauf zu hören, was andere sagen, sondern darauf, was für die eigene Familie richtig ist. Das macht zufrieden. Versäumte Zeit kann man nicht mehr aufholen.

Was würde mehr Väter dazu bringen, in Karenz zu gehen?
Sonja Spitzer vom Vienna Institute of Demography der ÖAW hat darauf klare Antworten aus der Forschung: mehr Geld und ein höherer Anteil der Karenz, der für Väter reserviert ist. Dies kann dann mittelfristig dazu führen, dass sich Geschlechternormen ändern. „In vielen Ländern gibt es Regelungen, die einen größeren Teil Karenz für Väter reservieren. Es ist wissenschaftlich fundiert, dass Väter eher Karenz nehmen, wenn sie in dieser Zeit mehr Geld erhalten.“
Um die Normen zu ändern, müsste es gelingen, dass es eben „normal“ wird, auch als Vater in Karenz zu gehen. Man sieht in Studien, dass das funktioniert: „Hier gibt es einen Netzwerkeffekt in Unternehmen, wenn der Kollege in Karenz geht oder auch im privaten Umfeld, wenn etwa der Schwager in Karenz gegangen ist. Auch Söhne von Vätern, die in Karenz waren, haben bereits andere Normen.“
Noch zeigen die Daten und Studien aber auch, dass Väter auf die Frage, was sie in der Karenz vorhaben, angeben, auch Weiterbildung machen zu wollen, Projekte, zu denen sie sonst nicht kommen, angehen wollen oder Reisen gemeinsam mit der Familie in überschneidenden Karenzzeiten. Es muss sich also noch manches ändern. Familie und Beruf, das staatliche Gütezeichen für familienfreundliche Arbeitgeber, sieht in einem Leitfaden auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Unternehmen könnten mit Teilzeitangeboten und flexiblen Arbeitszeiten auch für Männer die Karenz für Väter deutlich einfacher machen.
