Früher Nachmittag in der S-Bahn. Vier Burschen im Teenageralter sitzen einander gegenüber. Vermutlich am Heimweg von der Schule oder der Lehrstätte. Weiße Turnschuhe, weite Jeans, die schwarzen Nike-Rucksäcke zu Füßen, das Handy in der Hand. „Hey, das ist ja ur schwul“, „Bro, der ist voll der Autist“ oder „Willst du auch so ein ADHSler sein“. Fast jeder zweite Satz, der fällt, enthält einen abwertenden Begriff.
Jugendsprache oder sprachliche Gewalt?
Hört man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Schulhöfen um, gewinnt man leicht den Eindruck: Wörter wie „Schwuchtel“, „behindert“, „Opfer“ sowie mitunter sogar Nazi-Parolen scheinen oft wie selbstverständlich zur Alltagssprache von Jugendlichen zu gehören. Dass Jugendsprache voller eigener Begrifflichkeiten ist, war schon immer so. Ob knappe Andeutungen, Metaphern oder Anspielungen – jede Generation hat ihren eigenen Wortschatz entwickelt, der bewusst provokant und überzeichnet ist, um sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. Teenager von heute wachsen in einer schnelllebigen, digital geprägten Welt heran: Infl uencer:innen, YouTuber und TikTok prägen ihre Sprache ebenso wie Musik, Gaming oder Serien.
Kein Wunder, dass Jugendsprache gegenwärtig ein besonders vielfältiger Mix aus Netzsprache sowie Einflüssen aus Popkultur und Fremdsprachen ist. Angesichts der gehäuften Verwendung von abwertenden Begriffen stellt sich freilich die Frage, wo die Grenzen zwischen jugendtypischem Slang und sprachlicher Gewalt liegen.

Eh nicht so schlimm – oder doch?
Es liegt auf der Hand, dass nicht jedes Schimpfwort dieselbe Bedeutung oder Wirkung hat. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob etwa Mädchen untereinander „bitches“ sagen oder ob ein Bursche einem Mädchen „du bitch“ hinterher zischt. Bestimmte Ausdrücke oder Codes können in unterschiedlichen sozialen oder kulturellen Milieus verschiedene Bedeutungen haben. Auch im Generationenvergleich sind viele Begriffe heutzutage mit ganz anderen Bedeutungen besetzt. Ob eine Äußerung als gezielte Beleidigung oder Herabsetzung erlebt wird, hängt stark von der Beziehung der Beteiligten zueinander ab, der Situation sowie der Absicht dahinter, weshalb Jugendforscherin Beate Großegger dafür plädiert, stets genau hinzuschauen. „Entscheidend ist meist nicht allein ein bestimmtes verwendetes Wort, sondern der Kontext und vor allem die Wirkung beim Gegenüber“. Sprache schaffe Wirklichkeit und werde dann zum Problem, wenn Wörter Menschen herabsetzen oder verletzen. Aus diesem Grund greife es laut Großegger zu kurz, einfach nur einzelne Wörter zu verbieten. „Wir sollten Kinder und Jugendliche stattdessen stärker dafür sensibilisieren, welche Wirkung Sprache generell beim Gegenüber haben kann. Nicht die Angst, das falsche Wort zu verwenden, sollte dabei im Vordergrund stehen, sondern die Frage, ob meine Äußerungen andere Menschen abwerten, verletzen oder ausgrenzen“, sagt die Jugendforscherin. Andernfalls bestehe auch die Gefahr, dass manche Schimpfwörter als „harmloser“ gelten als andere – obwohl sie nicht minder verletzend sein können.

Wenig Ressourcen für Respekt
Immer mehr Pädagog:innen berichten aktuell von sinkender Frustrationstoleranz unter Schüler:innen und einer geringeren Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen. Viele Kinder und Jugendliche scheinen heute schneller zu beleidigen, zu provozieren oder aggressiv zu reagieren. Beate Großegger teilt diese Beobachtung. „Allerdings beginnt der raue Umgangston in der Erwachsenenwelt“, versichert die Jugendexpertin. Die globalen Krisen der Gegenwart hinterlassen ihre Spuren. „Viele Menschen kämpfen mit den Herausforderungen des Alltags und wer selbst stark belastet ist, hat wenig Ressourcen sich in andere hineinzuversetzen oder Konflikte geduldig auszutragen. Missverständnisse entstehen schneller und vielfach ist Aggression die Folge“. Ein Verhalten, das Kinder und Jugendliche genau beobachten und an dem sie sich letztlich orientieren. „Deshalb ist es so wichtig, dass Erwachsene einen respektvollen Umgang vorleben“, ist Großegger überzeugt. Indem zum Beispiel im Familienalltag bewusst Räume für Gespräche geschaffen werden, die Perspektivenwechsel, Konfliktlösung und Empathie ermöglichen. In unserer Wettbewerbsgesellschaft wachsenKinder und Jugendliche – bewusst oder unbewusst – damit auf, dass es im Leben vor allem darum geht, durchsetzungsstark und leistungsfähig zu sein. Kein Wunder, dass Respektlosigkeit und Ausgrenzung oft ein leichtes Spiel haben, während Rücksichtnahme, Mitgefühl und Empathie in den Hintergrund geraten – ein Effekt, der einmal mehr durch die digitalen Technologien verstärkt wird.
Empathie beginnt bei uns selbst
Wie kann also ein wertschätzender Umgang gelerntwerden – in einer Zeit, die von Krisen, Leistungsdruck und digitaler Beschleunigung geprägt ist? Beate Großegger sieht die Antwort nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Eltern und Lehrkräfte sind wichtige Vorbilder – und zwar nicht, weil sie perfekt sein müssen. Sondern weil Kinder und Jugendliche beobachten, wie Erwachsene mit Stress, Konflikten und Meinungsverschiedenheiten umgehen. „Wir sollten an uns selbst arbeiten unddamit an unserer Vorbildfunktion. Wer Gelassenheit, Emotionskontrolle und auch Selbstironie vorlebt, vermittelt wichtige Lebenskompetenzen“. Im hektischen Alltag gehe es darum, bewusst Prioritäten zu setzen, sich Zeit für Gespräche zu nehmen und Räume für Erholung zu schaffen – sei es in der Natur oder bei gemeinsamen Aktivitäten. Respektvoll miteinander umgehen beginnt immer dort, wo Erwachsene ihn selbst vorleben.


