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Home » Generation bewegungsunfähig?
Digitale Welt

Generation bewegungsunfähig?

Christian NeuholdVon Christian NeuholdMai 5, 20264 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
Bub mit Laptop © Shutterstock
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Erwachsene wissen es von sich selbst: Ein vorwiegend im Sitzen verbrachtes Leben ist alles andere als gesund für den Körper. Heute aber tun das schon Kinder und Jugendliche, weil Handy und Tablet Rennen, Klettern und Fußballspielen verdrängt haben. „So wächst eine Generation heran, die bereits vor dem mittleren Alter dauerhafte Schäden haben wird“, sagt Florian Buschmann (Psychologie B.A.), Experte für Medienkompetenz und Berater bei Mediensucht sowie Gründer der Initiative OFFLINE Helden. Eltern hätten die Pflicht, gegenzusteuern, um das zu verhindern.

Die typische Schildkröten-Haltung vor dem Smartphone oder Tablet führt nicht nur temporär zu Schmerzen, sondern zu strukturellen Veränderungen. Als Beispiel nennt Buschmann, der Workshops an Schulen durchführt, den „Handynacken“: Wenn der Kopf 45 Grad nach vorn geneigt ist, wirken statt in normaler Haltung fünf bis zu 22 Kilogramm auf die Halswirbelsäule. Die Nackenmuskulatur wird überdehnt, die Wirbelsäule unnatürlich verkrümmt. Resultate sind chronische Schmerzen, ein steifer Nacken und Verspannungen.

Das ständige Sitzen lässt den Hüftbeuger an funktioneller Länge verlieren, wodurch das Becken nach vorn gezogen wird und ein Hohlkreuz entsteht. Zu wenig Bewegung und der Ersatz durch das monotone Tippen und Wischen verkürzt Muskeln. Die Rumpf- und Rückenmuskulatur werden mehr und mehr geschwächt. Das Gesäß erschlafft und verliert seine stabilisierende Funktion, was als Desk-Bound-Syndrome bezeichnet wird. Das bewirkt dauerhafte Rückenprobleme, da die untere Rückenmuskulatur kompensieren muss. Es kann sogar zur Überlastung von Handgelenken und Fingern kommen, was allerdings in der Regel eine exzessive Nutzung von Handy oder Tablet voraussetzt.

Mangel an Bewegung macht krank

Diese wenigen Beispiele zeigen bereits: Langfristig sind Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit fast vorprogrammiert. Und Buschmann ist mit seiner Aufzählung noch nicht am Ende. Auch die Entwicklung der Knochen leide, wenn Kinder kaum noch laufen und springen. Die Knochendichte sinke und das Risiko, später Osteoporose zu bekommen, steige. Zudem gebe es Defizite in puncto Koordination, Gleichgewicht und auch bei der Feinmotorik. Eine indirekte Folge der Kombination hohen Medienkonsums mit wenig Bewegung ist Übergewicht bis hin zu Adipositas – und damit eine enorme Belastung für Knie- und Hüftgelenke.

Nach einer in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Meta-Analyse erhöht exzessives Sitzen, das Sterberisiko ähnlich stark wie Rauchen oder Adipositas. Konkreter: Menschen, die mehr als acht Stunden am Tag sitzen und sich kaum bewegen, haben im Vergleich zu denen, die nur vier Stunden sitzen und aktiv sind, ein um 59 Prozent erhöhtes Risiko zu sterben. Hier ging es um Erwachsene, doch „es ist für mich logisch, dass die Zahlen eher noch schlimmer sein dürften, wenn Sitzen schon im Kindesalter dominiert“, sagt Buschmann.

Alles total übertrieben? Florian Buschmann erzählt von Fällen aus seiner Beratungs-Praxis. Kinder, bei denen der Nacken sehr weit nach vorn gedrückt ist. Oder 14-Jährige, die mehr als hundert Kilo wiegen. Das seien direkte Folgen eines Mangels an Bewegung, kombiniert mit exzessivem Spielen am Computer. Das müsse man definitiv ernst nehmen, es gehe um schwerwiegende gesundheitliche Probleme.

© Shutterstock

Was Eltern tun können

All das sei natürlich kein Schicksal, so Buschmann weiter. Zum einen ergab die Meta-Studie, dass schon etwa 60 bis 75 Minuten intensive Bewegung pro Tag das erhöhte Sterberisiko durch langes Sitzen fast vollständig neutralisieren könne. Zum anderen ist es kein Naturgesetz, dass Kinder und Jugendliche sich fast nur noch mit ihrem Smartphone beschäftigen. „Alle Bezugspersonen und vor allem Mütter und Väter haben einen großen Einfluss darauf, was ihr Nachwuchs tut und als wie attraktiv alternative Tätigkeiten wahrgenommen werden. Die Tipps des Experten für Eltern:

  1. Anmeldung im Sportverein: Fast jedes Kind hat Spaß an Sport, wenn es den in der Gruppe machen kann. Zudem wirkt auch das Vorbild der „Großen“. Also auch die Eltern sollten sich bewegen – und das nicht auf ein bisschen Spazierengehen beschränken.
  2. Über die Risiken aufklären: Kinder, die Social Media nutzen, sind alt genug, sich mit Gefahren auseinanderzusetzen, die mit zu langem Sitzen und Scrollen verbunden sind.
  3. Klare Regeln vereinbaren: Wie bei allen negativen Folgen von digitalen Medien in Kinderhand, sind präzise, gemeinsam beschlossene Regeln zu deren Nutzung unverzichtbar.
  4. Gemeinsame Aktivitäten: Mädchen und Jungen wünschen sich, etwas zusammen zu unternehmen. Um Bewegungsdefizite auszugleichen, eignen sich besonders Ausflüge etwa mit dem Rad oder in den Zoo – oder im Sommer ins Schwimmbad.

Über Florian Buschmann

Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.

© PFAU
© PFAU
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Christian Neuhold

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