Die Mutterschaft ist eine der radikalsten Transformationen, die eine Frau durchleben kann.
Und doch wird sie gesellschaftlich selten als solche anerkannt. Vom Moment der Geburt an
sind Mütter gefordert, rund um die Uhr verfügbar zu sein – körperlich, emotional,
organisatorisch. Sie lernen früh, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen, weil das Baby
schreit, weil der Partner Unterstützung braucht, weil die Gesellschaft von einer „guten
Mutter“ erwartet, dass sie sich aufopfert.
Was dabei oft unbemerkt bleibt: Mit jedem Zurückstellen der eigenen Impulse, Unterdrücken
der eigenen Müdigkeit und mit jedem „Ich mach das schon“ verschwindet ein Stück der
eigenen Identität. Die Frau, die einmal war, wird nach und nach überlagert von der Rolle der
Mutter. Sie funktioniert – aber sie fühlt sich nicht mehr. Sie leistet – aber sie lebt nicht mehr.
Die Leere, die viele Mütter irgendwann spüren, ist kein Zeichen von Undankbarkeit oder
mangelnder Liebe zu ihren Kindern. Sie ist das natürliche Ergebnis eines jahrelangen
Prozesses, in dem die eigene Essenz keinen Raum mehr hatte.
Die Wurzel der Erschöpfung: Warum Anpassung nicht der Weg
ist
Viele Frauen, die zu mir und meiner Kollegin Ulrike Remlein ins “Rote Zelt” kommen, haben
bereits alles versucht. Sie haben gelesen, meditiert, sich weitergebildet, Yoga gemacht,ihre
Ernährung umgestellt. Sie haben gelernt, besser zu planen, Grenzen zu setzen, Nein zu
sagen. Und trotzdem bleibt das Gefühl der Leere. Das liegt daran, dass die meisten
Lösungsansätze auf der gleichen Ebene ansetzen wie das Problem: auf der Ebene des
Machens, des Optimierens, des Funktionierens.
Frauen sind zyklische Wesen – unser Körper, unsere Hormone, unsere Energie folgen
einem natürlichen Auf und Ab. Doch die moderne Lebensweise verlangt von uns, jeden Tag
gleich funktionsfähig zu sein. Wir ignorieren unsere innere Stimme, die uns sagt, wann wir
Ruhe brauchen, wann wir uns zurückziehen sollten oder einfach nur sein dürfen.
Stattdessen drücken wir weiter, bis nichts mehr geht.
Erschöpfte Mütter versuchen dann, sich durch mehr Schlaf, mehr Pausen oder „Me-Time“ zu
regenerieren. Und das ist auch wichtig. Aber es reicht nicht. Denn die Erschöpfung ist keine
körperliche Müdigkeit. Es ist eine existenzielle Erschöpfung. Sie liegt im Verlust der
Verbindung zur eigenen weiblichen Essenz, zum eigenen Körper und Rhythmus.

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Der Schoß als vergessener Ort der Kraft
Viele Mütter wissen intellektuell genau, was sie brauchen. Sie haben Bücher gelesen,
Podcasts gehört, Kurse besucht. Aber das Wissen bleibt im Kopf – es erreicht den Körper
nicht. Besonders den Schoßraum, das Zentrum der weiblichen Schöpferkraft, haben viele
Frauen verlassen.
Der Schoß ist nicht nur ein physischer Ort. Er ist das energetische Zentrum der Frau, in dem
Kreativität, Intuition, Lebensfreude und sexuelle Kraft beheimatet sind. Wenn eine Frau
immer nur gibt, ohne selbst empfangen zu können, und ständig für andere da ist, ohne sich
selbst zu nähren, dann zieht sich die Energie aus diesem Zentrum zurück. Die Folge: ein
Gefühl der Leere, der Kälte, des Nicht-berührt-Seins. Viele Mütter beschreiben es als „ich
bin nicht wirklich da“ oder „ich schaue mir mein Leben von außen zu“.
Der Weg zurück: Vom Funktionieren zum Fühlen
Der erste Schritt aus der Leere ist nicht, mehr zu tun, sondern weniger. Und vor allem:
anders. Es geht darum, die Aufmerksamkeit von außen nach innen zu lenken. Statt zu
fragen „Was muss ich noch erledigen?“ die Frage zu stellen „Was brauche ich jetzt
wirklich?“. Das klingt einfach, ist aber für viele Frauen eine der größten Herausforderungen.
Denn sie haben verlernt, auf ihre innere Stimme zu hören. Dabei helfen schon kleine
Maßnahmen:
● Nehmen Sie sich täglich fünf Minuten nur für sich. Setzen Sie sich an einen
ruhigen Ort, legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch und atmen Sie bewusst. Fragen
Sie sich: „Wie geht es mir gerade wirklich?“ – ohne zu bewerten, ohne zu korrigieren.
● Führen Sie ein Gefühlstagebuch. Notieren Sie jeden Abend drei Sätze dazu, was
Sie an diesem Tag wirklich gefühlt haben – nicht, was Sie getan haben.
● Reduzieren Sie bewusst eine Verpflichtung pro Woche. Es geht nicht darum,
alles fallen zu lassen, sondern darum, zu spüren: Die Welt dreht sich auch dann
weiter, wenn ich nicht alles erledige.
● Suchen Sie sich eine Gemeinschaft von Frauen. Im Austausch mit anderen
Müttern, die ähnliche Erfahrungen machen, entsteht ein Raum, in dem Scham und
Schuldgefühle benannt werden dürfen.
In meiner Arbeit mit Frauen erlebe ich immer wieder, wie befreiend es ist, wenn Frauen sich
erlauben, sich wieder zu fühlen. Nicht nur die schönen Gefühle, sondern auch die
schmerzhaften: die Wut darüber, so lange übergangen worden zu sein. Die Trauer um die
verlorenen Jahre. Die Sehnsucht nach einem Leben, das wirklich das eigene ist.
Was ich mir für alle Mütter wünsche, ist ein neues Verständnis von Mutterschaft, das auf
Fülle und Verbundenheit setzt. Eine Mutter, die mit sich selbst verbunden ist, die ihre
eigenen Rhythmen kennt und respektiert, die ihre Bedürfnisse ernst nimmt, ist nicht weniger
liebevoll. Im Gegenteil: Sie kann ihnen vorleben, was es heißt, ein authentisches, erfülltes
Leben zu führen.
Über die Autorin:
Alexandra Lehmann ist Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Geburtstrauma und Mitgründerin
von „Das Rote Zelt“. Seit über 25 Jahren begleitet sie Frauen in Übergangsphasen und
verbindet dabei medizinisches Wissen mit körperorientierten Methoden und langjähriger
Praxiserfahrung. Nach zwei Jahrzehnten in Klinik und eigener Praxis entwickelte sie einen
integrativen Ansatz, der Frauen hilft, innere Orientierung zurückzugewinnen, Muster zu
erkennen und Entscheidungen aus stabiler Selbstwahrnehmung zu treffen. Mit ihrem Team
hat sie bereits tausende Frauen in Workshops, Retreats und Programmen auf ihrem Weg
begleitet.
