Wie Familien jetzt einen „Sicheren Hafen“ für den Herbst bauen. Psychotherapeutin Julia Zimmerl-Todorovic sagt, worauf man dabei achten sollte.
Die letzten Wochen der Sommerferien sind angebrochen. Eigentlich sollte jetzt noch einmal pure Entspannung herrschen, doch in vielen Familien kippt die Stimmung unbemerkt. Der nahende Start von Kindergarten und Schule wirft seine Schatten voraus. Statt Leichtigkeit schleichen sich oft unbewusste Nervosität, gereizte Stimmung oder sogar akute Blockaden bei den Kindern ein. Der Gedanke an das frühe Wecken, Leistungsdruck und den durchgetakteten Alltag erzeugt Druck bei Eltern und Kindern gleichermaßen.
Der unbewusste Druck vor dem Neustart: Ein Echo der eigenen Schulgeschichte
Wenn Kinder vor dem Schul- oder Kindergartenstart plötzlich vermehrt unsere Nähe suchen, bei alltäglichen Auslösern – die für das Kind in diesem Moment riesengroß sind – intensive Wutausbrüche zeigen oder sich komplett verweigern, steckt dahinter nie „böser Wille“. Es ist der emotionale Ausdruck von Verunsicherung vor der großen Veränderung.
Gleichzeitig stehen auch wir Eltern und ebenso die Pädagogen oft unter einem enormen, unbewussten Druck. Denn der Übergang in die Institution triggert fast immer unsere eigenen Biografien. Jede*r von uns trägt eine eigene Schulgeschichte in sich. Wenn das System Schule wieder präsent wird, meldet sich im Hintergrund oft das eigene Innere Kind mit alten Mustern: der Angst vor Bewertung, dem Druck, funktionieren zu müssen, oder alten Erfahrungen von Ausgrenzung. Der Stress, den wir im Hier und Jetzt spüren, ist also häufig ein Echo unserer eigenen Vergangenheit. Reagieren wir dann mit logischen Argumenten („Du musst dich doch wieder an die Struktur gewöhnen!“) oder unbewusstem Druck auf das Kind, prallen in Wahrheit zwei verunsicherte Nervensysteme aufeinander – die Blockade verhärtet sich.
Co-Regulation statt Schimpfen: Der Weg aus der Blockade
Um den Druck aus dem Sommer-Endspurt zu nehmen, hilft ein Blick in die Individualpsychologie. Kinder und Erwachsene brauchen in Übergangsphasen keine perfekte Organisation, sondern emotionale Sicherheit. Wenn die Nerven blank liegen, ist Co-Regulation der Schlüssel:
- Den eigenen Trigger erkennen: Ein kurzes Innehalten hilft: Ist das gerade der Stress meines Kindes, oder wird hier meine eigene alte Schulgeschichte wach? Wenn wir erwachsen durchatmen, entlasten wir das Kind.
- Verbindung vor Korrektur: Bevor wir schimpfen oder argumentieren, ist es wichtig, dass wir das Kind emotional abholen. Ein kurzes „Ich sehe, dass dich das gerade stresst“ wirkt oft Wunder.
- Den Druck rausnehmen: Die Ferien müssen nicht „perfekt“ zu Ende gehen. Erlauben Sie sich und den Kindern bewusst Tage ohne fixen Plan.
- Gemeinsam Brücken bauen: Sprechen Sie über die Vorfreude (Freunde wiedersehen), aber geben Sie auch den Sorgen der Kinder einen Raum, ohne sie sofort wegzureden

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Ein sicherer Hafen für den Alltag
Ein gelungener Übergang in den Herbst wird nicht dadurch bestimmt, wie früh die Kinder in den letzten Ferienwochen ins Bett gehen. Er entscheidet sich an der emotionalen Basis. Wenn wir lernen, unsere eigenen inneren Trigger zu erkennen, und unseren Kindern signalisieren, dass wir ihre Sorgen mittragen, werden wir für sie zum sicheren Hafen. So gelingt der Start in den neuen Lebensabschnitt – gestärkt, verbunden und voller Vertrauen.
Über die Autorin: Julia Zimmerl-Todorovic ist selbstständige Psychotherapeutin für Psychoanalytisch–Psychodynamische Therapie / Individualpsychologie in Niederösterreich. Im Herbst öffnet sie die Türen für ihr neues Projekt „Sicherer Hafen“, das Eltern und Fachkräfte dabei unterstützt, Kinder bindungsorientiert und ohne Leistungsdruck durch den Alltag zu begleiten.


