Das Ausmaß sexueller Gewalt, der Kinder und Jugendliche im Netz ausgesetzt sind, wächst enorm. Was die Statistik nicht zeigt: Wie normal das für viele längst geworden ist – und warum die meisten Betroffenen schweigen. Medienexperte Florian Buschmann über Scham, Vertrauen und das, was Eltern jetzt tun sollten.
Das Bundeskriminalamt hat diese Woche sein aktuelles Bundeslagebild zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vorgelegt, und die Zahlen bleiben alarmierend. Taten ohne körperlichen Kontakt, die sich also vollständig im Netz abspielen, stiegen binnen eines Jahres um 16,5 Prozent. Cybergrooming, das gezielte Anbahnen von sexuellen Kontakten im Netz, trifft laut der Behörde fast jeden Dritten zwischen 14 und 17 Jahren.
Aus mehr als 1.500 Workshops an Schulen mit über 50.000 Teilnehmenden weiß Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN: diese Zahlen bilden nur die Spitze ab. „In den Schulen erlebe ich, wie beiläufig das geworden ist“, sagt er. „Das eigentliche Problem beginnt dort, wo niemand mehr Alarm schlägt.“
Wie intime Bilder zur Mutprobe werden
Was Buschmann in seinen Workshops beobachtet, hat mit der klassischen Vorstellung vom fremden Täter nur zum Teil zu tun. Unter Jugendlichen sei das Verschicken intimer Bilder vielerorts zu einer Art Mutprobe geworden – angetrieben von Gruppendruck und dem Wunsch dazuzugehören. „Was als Challenge unter Gleichaltrigen anfängt, kann bei jemandem enden, den das Kind nie treffen wollte“, sagt der Medienexperte.
Warum betroffene Kinder gerade den Eltern nichts sagen
Der entscheidende Punkt ist für Buschmann, warum so wenig davon ans Licht kommt. Für ein betroffenes Kind bedeute ein solches Bild vor allem Scham. „Es ist das Gefühl, vor den eigenen Eltern das Gesicht zu verlieren“, sagt der 25-Jährige. Eltern seien im Ernstfall oft emotional zu nah dran, um die erste Anlaufstelle zu sein. Deshalb sei es so wichtig, dass Kinder mindestens eine externe Vertrauensperson hätten – einen Freund, eine Verwandte, eine Bekannte oder einen Vertrauenslehrer. „Ein Kind, das sich schämt, geht eher zu jemandem, bei dem es sich nicht zusätzlich als Kind verurteilt fühlt.“
Oft, sagt Buschmann, werde in der Debatte vor allem über Mädchen gesprochen. Nach seiner Erfahrung seien Jungen ebenso betroffen und schwiegen aus Scham womöglich noch häufiger.

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Reden, bevor etwas passiert
Buschmanns wichtigste Botschaft ist deshalb keine der Abschreckung, sondern der Vorbereitung. Eltern sollten das Thema ruhig ansprechen, bevor etwas passiert – in zwei, drei Sätzen: dass so etwas vorkommen kann, worauf man achten sollte, und dass es ein unangenehmes Thema ist. „Der Satz, auf den es ankommt, ist: Wenn dir so etwas passiert, bin ich für dich da – ohne Wertung“, sagt der Experte. Entscheidend sei, im Ernstfall gerade keine Vorwürfe zu machen, sondern schlicht Ansprechpartner zu sein.
Was Eltern konkret tun können
Für Buschmann folgt daraus ein klarer Dreiklang. Erstens das Thema früh und wertfrei ansprechen, statt zu hoffen, dass es das eigene Kind nicht betrifft. Zweitens deutlich machen, dass kein Thema zu peinlich ist, um darüber zu reden, und dass ein erpresstes oder weitergeleitetes Bild niemals die Schuld des Kindes ist. Und drittens dafür sorgen, dass das Kind neben den Eltern mindestens eine weitere Vertrauensperson hat. „Kinder schützt nicht die Angst vor dem Internet“, sagt Buschmann. „Sie schützt das Wissen, dass sie mit allem zu jemandem kommen dürfen.“
Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.

