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Home » „Gut genug“ ist gut genug
Familienzeit

„Gut genug“ ist gut genug

Viele Eltern zermartern sich regelrecht, wenn sie ihrem Kind nicht geduldig und zugewandt begegnet sind. Woher kommt der hohe Anspruch an Erziehung?
Sandra LobnigVon Sandra LobnigSeptember 12, 20264 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Es sollte sich eigentlich herumgesprochen haben: Eltern müssen nicht perfekt sein. Mal ganz abgesehen davon, dass sie es ohnehin nicht schaffen würden, ihren Nachwuchs fehlerfrei ins Erwachsenenalter zu begleiten. Und trotzdem: So hoch wie heute waren die Ansprüche, die Eltern an sich und ihre Erziehungskompetenzen haben, noch nie. Warum ist das so? 

„Wir wissen heute so viel mehr darüber, was Kinder brauchen, um sich gut zu entwickeln als noch vor 50 Jahren“, sagt Elterncoachin Sandra Teml-Wall. „Das führt zum hohen Anspruch, ihnen das auch zu geben.“ Mit der modernen Bindungsforschung ist die Rolle der sicheren Bindung in den Fokus gerückt. 

Viele Eltern haben heute – zum Glück – verinnerlicht: Kinder, deren Bedürfnisse gesehen und erfüllt werden und die sicher an ihre Bezugspersonen gebunden sind, sind sozial kompetenter, haben mehr Selbstvertrauen und gehen psychisch gesünder durchs Leben. Wie könnten Eltern da nicht alles daran setzen, um ihrem Kind ein solches Fundament mitzugeben? Also strengen sie sich an. Sie wollen liebevoll und zugewandt sein. Sie tragen ihr quengelndes Baby nachts durch die Wohnung. Sie hocken im Supermarkt neben dem Zweijährigen, der dort mit hochrotem Kopf auf dem Boden liegt und strampelt und schreit. Sie liegen abends so lange neben der Fünfjährigen, bis diese eingeschlafen ist. 

© Shutterstock

Robuste Bindung

Vor allem möchten sie eine Sache um jeden Preis vermeiden: Ihrem Kind emotionalen Schaden zufügen. Mit dem, was sie tun oder dem, was sie unterlassen. Eine Angst, die Sandra Teml-Wall nur zu gut von den Eltern kommt, die bei ihr Rat suchen. Hinter dieser Angst steckt oft ein falsches Verständnis von ‚Bindung‘. Als sei diese ein Band, das durch einen Fehler ein für alle Mal durchtrennt werden könnte. Dabei hält Bindung einiges aus. Die Autorin Susanne Mieraus spricht von der ‚Grundmelodie‘ im Leben eines Kindes. Es sei normal, dass Eltern auch mal müde, schlecht gelaunt oder emotional nicht verfügbar seien. Die zahlreichen Gelegenheiten, in denen ein Kind seine Eltern als emotional verlässlich erlebt, würden das aber wieder ausgleichen. Das Wichtigste sei, dass Eltern ihrem Kind in der Regel zugewandt und bindungsorientiert begegnen. Wenn die ‚Grundmelodie‘ stimmt, fallen die Unvollkommenheiten nicht großartig ins Gewicht.

Eigene Biografie spielt eine Rolle

Was Eltern in ihrem Bestreben danach, ihr Kind möglichst fehlerfrei zu begleiten, vergessen würden: „Es haut dir die eigene Biografie um die Ohren“, sagt Sandra Teml-Wall. Niemand geht als unbeschriebenes Blatt ins Elternsein. Man bringt Erfahrungen, Verletzungen und tief sitzende Muster aus der eigenen Kindheit mit. Und die beeinfl ussen, wie man selbst mit seinem Kind umgeht. Das Verhalten des Kindes triggert die eigene Geschichte. Das führt etwa dazu, dass man das Weinen des eigenen Kindes schwer aushalten kann und unwirsch reagiert. Oderdass man das Kind in Situationen der Überforderunganbrüllt. So hat man es selbst erlebt, so gibt man es weiter – ob man will oder nicht. „Das ist meistens nichts, was ich heute beschließen kann zu ändern und morgen ist es anders.“ Eltern müssten verstehen: 

Es ist ein innerer Prozess, in dem Stück für Stück alte Muster durchbrochen werden – und in dem man regelmäßig scheitert. „Aber solange die Kinder sehen, dass man an sich arbeitet, konfrontierbar bleibt und sich in Wiedergutmachung übt, ist alles handelbar.“ Dann hat der einzelne emotionale Ausbruch keinen relevanten Effekt. Was hingegen tatsächlich schadet: „Wenn man glaubt, es gehört sich so.“ Wenn also brüllen, beschämen, strafen oder Liebesentzug unhinterfragt zum Erziehungsrepertoire gehören. 

© Shutterstock

Kontrolle: Eine Illusion 

Selbst wenn man, rein hypothetisch, immer alles ‚richtig‘ machen würde, ließen sich ‚Störungen‘ im Leben eines Kindes nicht vermeiden, sagt Sandra Teml-Wall. Wie Kinder die Geburt eines Geschwisterkindes erleben, ein Schicksalsschlag, eine Trennung: „Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten alles im Leben kontrollieren.“ Viele Mütter würden außerdem die Verantwortung für die emotionale Unversehrtheit des Kindes allein übernehmen und außer Acht lassen, dass auch der Partner einen Einfl uss habe. „Auch er bringt seine Geschichte mit. Es ist nicht allein meine Mama-Verantwortung.“ Dass man nicht alles in der Hand hat, mag ein beunruhigender Gedanke sein. Er könne aber auch entlasten, fi ndet Teml-Wall. „Die Frage ist immer: Wie gehen wir mit den Störungen im Leben um?“ Vieles könne man später aufarbeiten. 

Entschuldigung als Option 

Für den Familienalltag bleibt Eltern immer auch die Option, sich zu entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Wobei eine Entschuldigung natürlich kein Freibrief sei, sondern den festen Vorsatz beinhalte, es in Zukunft besser zu machen. „Entschuldigen sollte man sich nur, wenn man tatsächlich den Willen, die Kraft und die Absicht hat, es nicht mehr zu tun“, sagt Sandra Teml-Wall. Und wenn man sein Kind dann doch wieder anschreit oder genervt anmeckert? Dann übernimmt man wieder Verantwortung dafür, entschuldigt sich beim Kind und denkt daran, auch mit den eigenen Schwächen barmherzig umzugehen.

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Sandra Lobnig

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