Text: Angelika Kraft
Kaum raschelt irgendwo ein Zuckerlpapier, ist es schon da, das Kind. Es kann gerade noch tief versunken mit seinen Legosteinen gespielt haben, ohne irgendetwas von seiner Umwelt mitzubekommen, doch beim Öffnen der Schoko-Lade entwickelt es plötzlich die Ortungsfähigkeiten eines Trüffelschweinchens. Und wehe, die Eltern behaupten, es gäbe nichts Süßes im Haus. Der Nachwuchs kennt die Verstecke – und zwar alle.
Dass Kinder Naschereien so unwiderstehlich finden, ist nichts Neues und lässt sich auch evolutionär erklären. Süßer Geschmack signalisierte bereits unseren Vorfahren: Hier gibt es schnell verfügbare Energie. Deshalb reagiert unser Gehirn bis heute mit einem Belohnungsfeuerwerk auf Zucker.
Süße Nebenwirkungen
Trotzdem sollte Süßes nicht zum Hauptbestandteil des kindlichen Speiseplans werden. Viel Zucker liefert zwar Energie, aber kaum Vitamine, Mineralund Ballaststoffe. Wer häufig zu stark zuckerhaltigen Lebensmitteln greift, nimmt zudem leichter mehr Energie auf, als der Körper verbraucht. Das kann langfristig zu Übergewicht führen. Besonders tückisch sind dabei gesüßte Getränke: Sie können erstaunlich viel Zucker enthalten, machen aber kaum satt. Der Zucker kommt also gewissermaßen auf dem Trinkweg ins Kind, ohne dass der Magen dafür mit einem entsprechenden Sättigungsgefühl belohnt wird. Auch die Zähne freuen sich nicht gerade über die süße Dauerbeschallung. Bakterien im Mund verwandeln Zucker in Säuren, die den Zahnschmelz angreifen können. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie viel, sondern auch, wie häufig über den Tag verteilt genascht wird. Und dann wäre da noch die Konzentration. Der weit verbreitete Mythos vom zuckergedopten Hyperaktiv-Kind, dass unter Süßigkeiteneinfluss nicht mehr stillsitzen kann, hält sich hartnäckig. Doch hier die Entwarnung: So einfach pauschalieren lässt sich das aus wissenschaftlicher Sicht nicht. Wenn Kinder nach einer Geburtstagsparty mit Torte, Limonade und Süßigkeiten aufdrehen, liegt das wahrscheinlich eher an der aufregenden Feier selbst als an den Gummibärchen.

Zuckerfallen im Alltag
Zucker steckt allerdings nicht nur in Kuchen, Schokolade und Eis, sondern auch dort, wo Eltern ihn nicht unbedingt vermuten würden. Selbst vermeintlich gesunde Dinge wie Frühstückscerealien, Fruchtjoghurts, Müsliriegel oder Smoothies können überraschend viel Zucker enthalten. Besonders tückisch sind Produkte, die mit Begriffen wie „Frucht“, „Vital“, „Müsli“ oder „Vollkorn“ werben und dadurch gesünder wirken, als sie tatsächlich sind.
Ein Blick auf die Verpackung lohnt sich daher allemal. Doch wo genau soll man da hinschauen? In der Zutatenliste stehen die Bestandteile in absteigender Reihenfolge – was weit vorne steht, ist also reichlich enthalten. Wichtig: Zucker versteckt sich nicht immer unter seinem eigenen Namen. Auch Dextrose, Glukose, Fruktose, Maltose oder verschiedene Sirupe sind Zuckerarten. In der Nährwerttabelle finden Sie außerdem die Angabe „davon Zucker“: Sie zeigt, wie viel Zucker insgesamt in 100 Gramm oder 100 Millilitern steckt. Bei Getränken kann das besonders schnell ins Gewicht fallen, weil man mehrere Deziliter davon trinkt, ohne einen entsprechenden Sättigungseffekt zu spüren.
Und auch beim Etikettentrick „natürlich gesüßt“ darf man ruhig skeptisch bleiben. Honig, Agavendicksaft, Ahornsirup, Fruchtsirup, Kokosblütenzucker oder Rohrzucker klingen zwar nach Naturidylle, sind aber keine zuckerfreien Zaubermittel. Auch diese Süßungsmittel liefern jede Menge Energie und sollten daher nicht mit einem gesundheitlichen Freifahrtschein verwechselt werden. Entscheidend ist also weniger, ob der Zucker aus der Zuckerrübe, dem Zuckerrohr oder der Honigbiene kommt, sondern wie viel davon insgesamt im Produkt steckt.

Locker bleiben
Nun könnte man natürlich sämtliche Süßigkeiten aus dem Haus verbannen, die Schokolade hinter sieben Schlössern verschließen und die Gummibärchen ganz oben im Küchenkasten verstecken. Nur: Komplett verbieten ist selten die beste Strategie. Denn was streng untersagt ist, wird schnell besonders interessant. Und spätestens auf dem Kindergeburtstag, beim Besuch bei Oma oder im Schulhof taucht die begehrte Ware wieder auf. Viel entspannter ist es, Süßigkeiten einen festen Platz im Familienalltag zu geben. Das kann zum Beispiel etwas Süßes nach dem Mittagessen sein oder eine vereinbarte Naschzeit am Nachmittag. Dabei ist es hilfreich, die Portion von vorneherein zu rationieren. Drei Kekse auf einem Teller zu servieren ist sinnvoller als die ganze Packung auf den Tisch zu stellen und darauf zu hoffen, dass sich das Kind freiwillig nach drei Stück einbremst. Auch als Belohnung, Trostpflaster oder Bestechungsmittel sollten Schokolade & Co. möglichst nicht eingesetzt werden. Wer sein Kind nach dem Arztbesuch mit einem Zuckerl fürs Tapfer-sein belohnt, macht daraus schnell etwas besonders Wertvolles. Und natürlich dürfen Eltern auch ihre eigene Vorbildwirkung nicht unterschätzen.
Schließlich wirkt die Ansage „Nach dem Abendessen gibt es nichts Süßes mehr“ wenig überzeugend, wenn gleichzeitig heimlich die letzte Rippe Schokolade ins Schlafzimmer geschmuggelt wird.Eine besonders schöne Alternative zu gekauften Naschereien kann sein, Süßes gemeinsam selbst herzustellen. Ob Energy-Balls, Hafer-Taler oder selbst gemachte Müsliriegel – wer gemeinsam rührt, rollt und nascht, hat nicht nur Spaß, sondern kann auch selbst bestimmen, welche Zutaten im Snack landen. Ganz ohne Zucker geht es dabei zwar auch nicht, das muss es aber auch nicht, schließlich soll Naschen Freude machen und nicht zum nächsten Gesundheitsprojekt der Familie werden. Am Ende geht es nämlich nicht darum, Kindern den Spaß am Naschen zu verderben. Sie sollen vielmehr lernen, dass Schokolade, Eis und Gummibärchen Teil einer abwechslungsreichen Ernährung sein können, aber nicht deren Mittelpunkt sind. Ein entspannter Umgang mit Süßigkeiten erspart Eltern und Kindern viele unnötige Diskussionen und macht aus einem Stück Schokolade weder eine verbotene Kostbarkeit noch ein alltägliches Grundnahrungsmittel, sondern das, was es sein soll: eine kleine Freude zwischendurch.

Süßes ohne Streit
Beim Thema Naschen muss nicht jeden Tag der Familienrat tagen. Ein paar einfache Regeln helfen, damit aus einem Stück Schokolade kein Verhandlungsmarathon wird.
1. Nicht offen herumliegen lassen: Was immer vor der Nase liegt, ist auch ständig interessant. Eine Schale voller Süßigkeiten ist daher für viele Kinder ungefähr so schwer zu ignorieren wie ein blinkendes Smartphone.
2. Nicht mit Süßem belohnen oder trösten: „Wenn du brav bist,bekommst du Schokolade“ macht Süßigkeiten besonders wertvoll. Besser sind Anerkennung, gemeinsame Zeit oder eine andere Form der Belohnung.
3. Kein komplettes Verbot: Ein gelegentliches Stück Schokolade muss kein schlechtes Gewissen verursachen. Wer alles verbietet, riskiert, dass Süßes erst recht zum begehrtenSchatz wird.
4. Eltern sind das Vorbild: Kinder beobachten ziemlich genau, was Erwachsene tun. Wer selbst abends die halbe Schokoladentafel verschwinden lässt, sollte sich über eine gewisse Begeisterung des Nachwuchses nicht wundern.
5. Selber machen: Gemeinsam selbst Süßigkeiten herzustellen, macht Spaß und gibt Kindern ein Gefühl dafür, was eigentlich in ihrem Snack steckt. Der Vorteil: Sie entscheiden selbst, welche Zutaten hineinkommen.


