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Digitale Welt

Abtauchen – früher im Badesee, heute hinter dem Handy?

Christian NeuholdVon Christian NeuholdJuli 15, 20267 Minuten Lesezeit
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Ferienzeit – endlich raus aus Schule, Stundenplan und Leistungsdruck. Doch für viele Kinder und Jugendliche bedeutet „Abtauchen“ heute nicht mehr Badesee, sondern stundenlanges Verschwinden in TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube Shorts. Forschende des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) warnen: Soziale Medien können auf Schlaf, Selbstwert, soziale Beziehungen und psychische Gesundheit wirken. Entscheidend ist nicht nur, wie lange Jugendliche online sind, sondern was sie dort erleben, und ob das digitale Leben das echte verdrängt. Dr. Isabel Brandhorst vom DZPG erklärt, worauf Eltern achten sollten und wie ein gesunder Umgang mit den Sozialen Medien gelingen kann.

Wenn der Feed das Feriengefühl bestimmt

Kein Wecker, keine Klassenarbeiten, kein frühes Aufstehen: Die Sommerferien können eine Zeit sein, in der Kinder und Jugendliche zur Ruhe kommen, Freunde treffen, kreativ werden, draußen unterwegs sind und neue Energie sammeln. Doch gerade diese freie Zeit kann auch zur Risikophase werden. Wenn der Tagesrhythmus wegfällt, Schlafenszeiten sich verschieben und soziale Kontakte weniger selbstverständlich stattfinden, rücken Smartphone und Social Media schnell in den Mittelpunkt.

„Viele Jugendliche nutzen Social Media nicht nur zur Unterhaltung. Es ist ihr sozialer Raum: Dort finden Austausch, Zugehörigkeit, Anerkennung, Vergleiche und Konflikte statt“, sagt Dr. Isabel Brandhorst, Leiterin der Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen am DZPG-Standort Tübingen. „Genau das kann aber problematisch werden. Wenn junge Menschen nicht mehr bewusst entscheiden, wie lange sie online sind, sondern wenn der Feed den Tag oder die Stimmung bestimmen, weil die konsumierten Inhalte nicht unterhalten, sondern auch Druck ausüben.“

Social Media ist kein automatischer Krankmacher, aber auch nicht harmlos

Die Wissenschaftlerin warnt vor einfachen Antworten. „Social Media macht nicht automatisch krank. Aber bestimmte Nutzungsmuster können psychische Belastungen verstärken“, sagt Brandhorst. Besonders riskant sei eine Nutzung, die passiv, lang, spät am Abend oder kaum noch kontrollierbar ist. „Wer stundenlang scrollt, sich ständig vergleicht, nachts nicht abschalten kann oder nach der Nutzung regelmäßig schlechter gelaunt ist als vorher, sollte genauer hinschauen.“

Aktuelle Studien zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen intensiver oder problematischer Social-Media-Nutzung und psychischen Belastungen wie depressiven Symptomen, Körperunzufriedenheit, Ängsten und Schlafproblemen. Zugleich ist wissenschaftlich wichtig: Ein Zusammenhang ist noch kein Beweis für Ursache und Wirkung. Jugendliche, denen es psychisch schlecht geht, nutzen soziale Medien häufig anders oder intensiver. Social Media kann dann zugleich Rückzugsort, Ablenkung und Verstärker von Problemen sein.

Die Ferien machen Unterschiede sichtbar

Ein Problem: Sommerferien sind Hochsaison für perfekte Bilder: Strand, Reisen, neue Outfits, scheinbar riesige Freundeskreise. „Das Gehirn vergleicht automatisch, gerade in der Jugend, wenn Selbstbild und Identität noch in Entwicklung sind und Anerkennung und Prestige überlebenswichtig erscheinen“, erklärt Brandhorst. „Social Media zeigt aber selten den Durchschnitt. Es zeigt Ausschnitte, Highlights, Extreme und Inhalte, die der Algorithmus einem vorschlägt. Das muss eingeordnet werden, damit es nicht schadet.“ Denn diese Vergleiche können Selbstwert und Körperbild belasten. Besonders betroffen sind Jugendliche, die stärker zum sozialen Vergleich tendieren und ohnehin unsicher, einsam oder psychisch belastet sind. „Wer schon mit Selbstzweifeln in die App geht, kommt nach einer Stunde scheinbar perfekter Körper, Reisen und Beziehungen nicht stabiler wieder heraus“, so Brandhorst.

Wenn Social-Media-Zeiten direkte synchrone menschliche Kontakte verdrängen, droht außerdem Einsamkeit. Nicht nur, weil sich die Quantität, sondern auch die Qualität der Beziehungen verringert. Kommunikation in Social Media ist meist asynchron und sprachbasiert. Dabei vermitteln wir emotionale Inhalte in der Kommunikation viel mehr durch unsere Körpersprache als durch die Worte, die wir wählen. Gemeinsam Gefühle zu teilen, schafft ein Gefühl echter Verbundenheit. Social-Media-Kommunikation kann dieses Gefühl nicht in gleichem Maß hervorrufen, auch nicht durch Emojis. Wir können also den ganzen Tag mit Freunden auf Social Media chatten und Fotos oder Videos teilen und doch das Gefühl haben, allein zu sein.

Was Eltern jetzt tun können

Dr. Brandhorst rät Eltern, Social Media und alle anderen Bildschirmmedien in den Ferien zu begrenzen: „Die Verlockung, Langeweile mit leichten Lösungen zu vertreiben, ist groß. Sind die Geräte erst mal an, fällt das Abschalten schwer. Ein Teufelskreis der Trägheit und Langeweile beginnt. Je älter die Kinder sind, desto wichtiger ist es, dass man gemeinsam Regeln aushandelt, die auch beim Kind oder Jugendlichen auf Akzeptanz stoßen. Gegen den Widerstand der Kinder kommt man nicht an“, so Brandhorst. „Sie sind kreativ und finden ihre Schlupflöcher.“ Dabei weiß sie durch ihre Beratung für Eltern im kostenfreien ISES! Kids Onlinetraining (siehe unten), dass das Aushandeln und Umsetzen von Grenzen leichter gesagt ist als getan.

Außerdem ist es wichtig, aktiv zu begleiten. Hilfreiche Fragen sind zum Beispiel: Welche Accounts tun dir gut? Welche setzen dich unter Druck? Wie fühlst du dich nach dem Scrollen? Kannst du aufhören, wenn du es dir vorgenommen hast? Schläfst du schlechter, seit du abends länger online bist? Was möchtest du außerhalb von Bildschirmmedien in den Ferien erleben? Worauf hast du Lust, aber außerhalb der Ferien keine Zeit oder Energie?

Gleichzeitig brauchen Kinder und Jugendliche ein attraktives „Real Life“: „Das Gegenmittel zu problematischer Social-Media-Nutzung ist nicht nur weniger Handy. Es ist mehr echtes Leben“, sagt Brandhorst. „Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungen, in denen sie nicht bewertet, gelikt oder verglichen werden, sondern etwas ausprobieren, lachen, sich bewegen, dazugehören und auch mal scheitern können.“ Das ist nicht immer leicht, wenn Kinder wenig Eigenmotivation mitbringen oder die Sozialkontakte in der direkten Umgebung fehlen. Manchmal mangelt es an Freizeitmöglichkeiten in der Region oder an den Ressourcen innerhalb der Familie, Freizeitangebote zu organisieren. Das Kind in den Sommerferien dem Bildschirm zu überlassen, ist manchmal die „leichtere“ Option. Eine analoge Kindheit wird damit zum Luxusgut und hängt davon ab, wie viele Ressourcen Familien zur Verfügung haben.

© Shutterstock

Fünf Tipps für gesündere Social-Media-Ferien

  1. Handy nicht im oder am Bett
    Das Smartphone morgens, abends und nachts außerhalb des Schlafzimmers laden. Ein echter Wecker hilft, das Handy aus der Einschlafphase herauszuhalten.
  2. Offline-Zeiten festlegen
    Zum Beispiel beim Essen, bei Ausflügen, beim Schwimmen, beim Sport oder ab einer bestimmten Uhrzeit am Abend.
  3. Nicht nur Zeit, sondern Wirkung beobachten
    Die wichtigste Frage lautet nicht nur: Wie lange warst du online? Sondern: Wie geht es dir damit oder danach?
  4. Den Feed aufräumen
    Accounts entfolgen oder stummschalten, die Druck, Neid, Unsicherheit oder Stress auslösen. Dafür bewusst Personen folgen, die einem guttun.
  5. Echte Alternativen planen
    Sport, Freunde, Ferienprogramm, Musik, Kreativität, Bewegung, Ausflüge – Social Media wird weniger übermächtig, wenn der Alltag auch offline attraktiv ist.

Warnsignale: Wann Eltern aufmerksam werden sollten

• Das Kind kann nicht aufhören, obwohl es sich das vorgenommen hat.
• Es wirkt nach der Nutzung häufig traurig, gereizt, angespannt oder leer.
• Es schläft schlechter, weil es abends oder nachts lange online ist.
• Schule, Hobbys, Bewegung oder Freundschaften leiden.
• Es zieht sich stärker zurück, wirkt aber gleichzeitig stark ans Handy gebunden.
• Es reagiert heftig, wenn die Nutzung angesprochen oder begrenzt wird.
• Es vergleicht sich stark mit anderen und wirkt dadurch unzufriedener mit sich selbst.
• Es sucht häufig nach psychischen Symptomen oder Selbstdiagnosen.
• Es erlebt Cybermobbing, Ausgrenzung, sexualisierte Nachrichten oder belastende Inhalte.
• Es wird unruhig oder ängstlich, wenn das Handy nicht verfügbar ist.

Einzelne Anzeichen bedeuten noch keine Störung. Entscheidend ist das Muster – und ob Schlaf, Stimmung, Beziehungen, Schule oder Alltag spürbar beeinträchtigt sind.

—

Weiterführende Informationen

“Internetsucht: Eltern stärken! (ISES!)” sind Programme, die am Universitätsklinikum Tübingen entwickelt und evaluiert wurden. Eltern stehen zwei kostenfreie und anonym nutzbare Onlineangebote zur Verfügung:

• ISES! Kids – Medienerziehung meistern
• ISES! Teens – Sucht verstehen Eltern stärken

Weitere Informationen unter: http://www.elterntraining-internetsucht.de

Kinder ab 12 Jahren, die möglicherweise Symptome einer Computersucht aufweisen, finden aktuell Hilfe im digitalen Training „Breaking the Game“, das am Universitätsklinikum Tübingen entwickelt und aktuell im Rahmen einer Studie erprobt wird.

Infos unter: http://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/internetsucht-online-bruecke-bw

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Christian Neuhold

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