Morgens um halb neun in der grünen Gruppe. In einer Ecke türmen sich bunte Bausteine. Zwei Fünfjährige zeigen den Betreuerinnen stolz die soeben konstruierten Werke, holen dann weitere Bauteile aus einer Kiste und setzen mit dem Straßenbau fort. Eine Ecke weiter werden Puppen schlafen gelegt und einige Mädchen präsentieren ein Kostüm nach dem anderen. Bunte Hüte und Tücher wirbeln umher, während eine Vierjährige vor dem Wandspiegel schminken übt.
Stereotype prägen – oft unbewusst
Bauecke hier, Verkleiden dort: Szenen wie diese sind wohl vielen vertraut, die mit Kindergartenkindern zu tun haben. Unsere Kinder bewegen sich vielfach in Spielwelten, die nach Geschlechtern getrennt sind und klassische Rollenbilder transportieren. Viele Studien zeigen, dass der gesamte pädagogische Alltag in Krippen und Kindergärten geschlechtstypische Muster verstärkt – und zwar meist unbewusst. Laut dem Erziehungswissenschaftler und Genderforscher Tim Rohrmann führen Erwartungen, Räume, Spielangebote und Routinen immer wieder dazu, dass sich Kinder früh an typische Rollen anpassen, die sowohl Mädchen als auch Burschen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten einengen. Gerade die ersten Lebensjahre gelten als entscheidend dafür, wie Kinder ihre Geschlechtsidentität entwickeln.
Also wie sie Vorstellungen von „männlich“ und „weiblich“ für sich einordnen. Der Kindergarten ist damit ein zentraler Ort, an dem solche Rollenbilder entstehen – und er ist für viele Kinder oft die erste Bühne, auf der sie sich ausprobieren und sichtbar machen, ob sie etwa als Bursche oder Mädchen wahrgenommen werden wollen. Demzufolge wollen Kinder ab einem bestimmten Alter auch nicht „aus der Reihe tanzen“ und verhalten sich am liebsten so wie die anderen Mädchen und Burschen aus ihrer Peer Group.
Bestimmte Merkmale, Farbcodes, Symbole oder eben auch das stereotype Verhalten der jeweiligen Gruppe werden immer bedeutender. Und so kann es kommen, dass ein Mädchen plötzlich unbedingt ein Tutu-Rockerl tragen will, während ein Bursche sein rosa Leiberl von einem Tag auf den anderen peinlich findet – den Nagellack, mit dem er anfänglich seinen Spaß hatte, sowieso.

Kindergarten als „weiblicher“ Raum
Dass geschlechtertypisches Spielen das Verhalten und die Entwicklung von Kindern beeinflusst, gilt als erwiesen. Gleichzeitig ist der Kindergarten ein stark weiblich geprägter Raum. Welche Auswirkungen die Überzahl von Frauen in pädagogischen Einrichtungen für Mädchen und Burschen hat, ist zwar noch nicht endgültig geklärt. Tatsache ist jedoch, dass es fast ausnahmslos Frauen sind, die dort arbeiten und somit unweigerlich kulturelle Muster weiter geben – wenngleich vielfach unbewusst. Dazu zählen zum Beispiel bestimmte ästhetische Vorstellungen in den Räumen – von der Farbwahl bei Dekorationen bis hin zur Ausstattung von Kuschel- und Kreativbereichen. Oder auch bestimmte pädagogische „Leitlinien“, wie etwa eine starke Betonung von Harmonie und Konfliktvermeidung sowie bestimmte Verhaltensbewertungen. Burschen werden nicht selten als „laut“ und „störend“ abgestempelt, ohne auf Bubenbedürfnisse wie Austoben und Bewegung einzugehen. Während die „kooperativen“ Mädchen durch eher ruhigere Spielangebote ebenso in ihren Erfahrungen eingeschränkt werden. Studien zeigen außerdem, dass es selbst dort, wo gezielte Angebote für Mädchen und Buben gemacht werden, mit der geschlechtsbewussten Reflexion oft happert. Zum Teil deshalb, weil bei derartigen Angeboten häufig lediglich typische Interessen von Jungen und Mädchen unterstützt werden. Umgekehrt kann die Überbetonung geschlechtsuntypischer Verhaltensweisen wiederum dazu führen, dass damit herkömmliche Spielformen von Buben bzw. Mädchen abgewertet werden. Wer meint, durch die Beschäftigung von mehr Männern in Kindergärten allein, wäre das Problem gelöst, irrt. Laut Genderforscher Tim Rohrmann können traditionelle Geschlechtszuordnungen auch da verstärkt werden. Weil Männer dann zum Beispiel mit den Burschen eher Werken oder Fußball spielen, während die Frauen und Mädchen basteln oder sich um Essen und Getränke kümmern.
Den Geschlechtern gerechter werden
Einzelne Maßnahmen und Angebote machen noch keinen Unterschied. Vielmehr kommt es auf die Haltung an, die weibliche ebenso wie männliche Fachkräfte an den Tag legen.
Forscher:innen betonen, dass bei allen Entscheidungen im gesamten Kindergartenalltag bewusst darauf geachtet werden sollte, dass Mädchen und Buben gleiche Chancen haben – und nicht unbewusst in typische Rollen gedrängt werden. Spielangebote, Materialien, Aktivitäten und Räume sollten dabei so gestaltet werden, dass alle Kinder alles ausprobieren können – und damit sowohl geschlechtstypischere als auch ungewohntere Erfahrungen machen können. Mitarbeiter:innen im Kindergarten müssten immer wieder die Möglichkeit haben, ihre Beobachtungen und Reflexionen im Team zu diskutieren. Wer nutzt zum Beispiel welche Räume und Angebote? Wessen Wünsche und Bedürfnisse werden im Alltag mehr berücksichtigt? Wen lobe ich oder wen bremse ich oder wo gibt es deutliche Unterschiede im Verhalten von Mädchen und Burschen? Haben bestimmte auffällige Verhaltensweisen einzelner Kinder womöglich einen geschlechtsbezogenen Hintergrund? Um Veränderungen herbeizuführen, wird es oft neue Wege brauchen. Die Einführung von mehr Bewegungsprogrammen und „lauteren“ Aktivitäten zum Beispiel. Das fallweise Arbeiten in Kleingruppen, um individuelle Bedürfnisse besser wahrzunehmen und besonders stillen Kindern mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Oder das aktive Einbinden von Vätern bei Themen, die üblicherweise von Müttern besetzt werden.
Wichtige Impulse können auch von Sprache („du bist aber brav“ oder „du bist mutig“) sowie Inhalten ausgehen – vor allem durch Bücher, Spiele oder Geschichten, die vielfältige Rollenbilder zeigen. Die Zielsetzung geschlechterbewusster Pädagogik sollte letztendlich niemals jene sein, alle gleich zu machen. Sondern jedem Kind zu ermöglichen, sich frei zu entwickeln – jenseits von Klischees.

Alles angeboren, oder was?
Buben spielen lieber Bagger und Mädchen lieben Puppen – ist das wirklich naturgegeben? Damit beschäftigt sich die Forschung schon lange und hat dabei herausgefunden:
Viele Verhaltensweisen haben weniger etwas mit biologischen Gegebenheiten zu tun, als damit, wie Eltern, Freunde und Familie die Kinder von Beginn an prägen. Also mit den in unserer Gesellschaft verbreiteten Vorstellungen darüber, was als „männlich“ und „weiblich“ gilt. „Nur wenig ist tatsächlich angeboren“, schreibt etwa die Neurobiologin Lise Eliot. Auch die Biologin Anne Fausto-Sterling betont, dass Interessen und Verhaltensweisen von Kleinkindern maßgeblich durch ihr Umfeld geprägt werden.
Oliver Blankenstein von der Berliner Charité dazu: „Vierjährige Mädchen sind – im Durchschnitt – feinmotorisch geschickter und in der sprachlichen Entwicklung weiter, Jungen dafür – wiederum im Durchschnitt – etwas besser im räumlichen Vorstellungsvermögen und in ihren Spielen eher auf körperliches Kräftemessen aus“.
Doch auch der Kinder- und Jugendarzt warnt davor, typische Neigungen von Buben allzu schnell den Hormonen zu zuschreiben: „Während der gesamten Hauptphase der Kindheit liegt der TestosteronSpiegel bei Buben nahezu bei null und kommt erst ab der Pubertät wieder ins Spiel!“
