Ein Kind, das sich wünscht, ein Handy zu sein, weil es dann endlich gesehen würde. Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN, hat diesen Satz in einer ersten Klasse gehört – und er beschreibt das Problem, sagt er, genauer als jede Statistik. Wenn wir über Mediensucht reden, schauen wir fast immer auf Kinder und Jugendliche. Dabei beginnt die eigentliche Frage woanders.
Wenn Florian Buschmann vor Eltern spricht, beginnt er neuerdings mit einer Zumutung: dass wir zuerst ehrlich zu uns selbst sein müssten. Nicht, um uns zu verurteilen, betont der Medienexperte, sondern um den Ist-Zustand anzuschauen. „Mediensucht wird fast immer als Problem von Kindern und Jugendlichen verhandelt. Dabei ist unser eigenes Verhalten als Erwachsene oft kein bisschen besser.“ Er nennt es einen blinden Fleck der Gesellschaft: Wir schauen genau auf die Bildschirmzeit der Kinder und übersehen unsere eigene.
Was ein Erstklässler über uns verrät
Wie tief das reicht, hat Buschmann in einer ersten Klasse erlebt. Auf die Frage, was sie einmal werden wollten, antwortete ein Kind: ein Handy. Auf die Frage nach dem Warum sagte es, wenn das Handy piepst, dann schaut Mama direkt – aber wenn es selbst etwas sagt, dann dauert es. „Dieses Kind wollte ein Handy werden, um endlich gesehen zu werden“, sagt der 25-Jährige. „Das ist mein traurigstes Beispiel, und es beschreibt das Problem genauer als jede Statistik.“
Was die Forschung Technoference nennt
Für das Phänomen gibt es einen Fachbegriff: Technoference, die Störung zwischenmenschlicher Beziehungen durch ständige Gerätenutzung. Das Tückische daran, so Buschmann: Anders als Stress oder Krankheit sei die Gerätenutzung vollständig steuerbar und trotzdem so selbstverständlich geworden, dass sie kaum noch auffalle.
Kinder spüren jede Zurückweisung
In seinen Veranstaltungen hört der Experte immer wieder denselben Wunsch. „Ganz oft sagen Kinder zu mir: Ich würde mir wünschen, dass Papa und Mama beim Essen nicht am Handy sind.“ Was harmlos klingt, ist für ein Kind eine kleine, ständig wiederholte Zurückweisung. Reagiert es darauf mit Quengeln, Anhänglichkeit oder Rückzug, wird schnell das Kind zum Problemfall erklärt – dabei ist sein Verhalten häufig nur die Antwort auf einen Blick, der immer wieder zum Display wandert.

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Warum Vorbild mehr wirkt als jede Regel
Buschmann, der als Jugendlicher selbst mediensüchtig war, kennt den Sog der Geräte aus eigener Erfahrung, und gerade deshalb ist ihm wichtig, dass es hier nicht um Schuld geht. „Vorbildwirkung ist das A und O“, sagt er. Kinder orientierten sich stärker am Verhalten der Eltern als an deren Regeln. Konkret rät er zu handyfreien Zonen und Zeiten, allen voran den gemeinsamen Mahlzeiten, zu echtem Blickkontakt im Gespräch und dazu, die eigene Nutzung ehrlich anzuschauen, statt sie zu beschönigen. „Wir müssen Kindern nichts Perfektes vorleben“, sagt der Medienexperte. „Aber wir sollten aufhören, ein Problem allein bei ihnen zu suchen, das längst ein Problem von uns allen ist.“
Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei.


