An manchen Tagen wacht Leo auf und sein Kopf tut weh. An anderen kommt er von der Schule mit Kopfschmerzen nach Hause. Leos Kopfschmerzen können so stark sein, sodass er erst mal keine Hausübung machen kann. Dann legt er sich auf die Couch und blättert durch ein Comic. Oder er spielt mit seinem Bruder Fußball im Hof. Leo ist zehn Jahre alt und leidet an chronischen Kopfschmerzen. Er weiß: Wenn er abgelenkt ist, verflüchtigen sich die Schmerzen meistens.
Wer meint, dass Kopfweh in erster Linie ein Leiden gestresster Erwachsener ist, liegt falsch. „Kopfschmerzen gehören neben Epilepsie zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen“, sagt Klaus Abraham. Als Neuropädiater, sprich Kinderneurologe, behandelt er viele Kinder und Jugendliche, die an chronischen Kopfschmerzen leiden. Kindergarten-, Schulkinder und Teenager: Alle Altersgruppen können betroffen sein, sogar Babys. Wobei, so Abraham, je kleiner die Kinder, desto schwieriger sei es, die Kopfschmerzen zu diagnostizieren. „Vor allem Kinder unter sechs Jahren können den Schmerz nicht genau lokalisieren. Wenn man sie fragt, wo es weh tut, zeigen sie fast immer in die Körpermitte.“ Es braucht eine sorgfältige Anamnese und Feinfühligkeit, um herauszufinden, wo der Schmerz sitzt und wie er sich äußert.

Zwei Arten
Fast alle Kinder – genauso wie Erwachsene – kennen Kopfschmerzen, etwa als Begleiterscheinung im Zuge eines fieberhaften Infekts. Klingt der Infekt ab, verschwindet auch das Kopfweh. Von chronischen Kopfschmerzen spricht man, wenn der Schmerz über sechs Monate lang immer wiederkehrt. Unterschieden werden hauptsächlich zwei Arten: Spannungskopfschmerz und Migräne. „Migräne ist die bekannte Form, betrifft aber nur wenige. Viel häufiger ist der Spannungskopfschmerz“, sagt Klaus Abraham. In vielen Fällen ließe sich leichtfeststellen, woran ein Kind leidet, denn es gebe klare Unterscheidungsmerkmale: Bei Migräne ist der Alltag kurzzeitig ausgehebelt. Das Ruhebedürfnis ist groß. Ein Kind, das unter Migräne leidet, wird sich von selbst in sein Zimmer oder sein Bett zurückziehen. Es ist lärm- und lichtempfindlich. Möglicherweise ist sein Gesichtsfeld eingeschränkt und kommt es zu Übelkeit oder Erbrechen. Typisch für Migräne bei Kindern ist, anders als bei Erwachsenen, dass beide Kopfseiten betroffen sind. Ablenkung wie Spielen oder Sport hilft nicht. Im Gegenteil, der Schmerz wird durch Bewegung schlimmer.
Ablenkung hilft
Anders bei Spannungskopfschmerzen: „Die sind durch Ablenkung therapierbar“, erklärt Klaus Abraham. Wie bei Leo. Wenn er draußen Fußball spielt, ‚vergisst‘ er auf seine Schmerzen. Bis auf wenige Ausnahmen kann er auch mit Kopfweh die Schule besuchen und dort gut mitarbeiten. Tricky: Manchmal leidet ein Kind sowohl unter Spannungskopfschmerzen als auch unter Migräne. In einem solchen Fall gilt es, noch feinfühliger auf Symptome zu achten und dementsprechend zu handeln.
Während Migräne stark genetisch bedingt ist, sind die Ursachen für Spannungskopfschmerzen meist nicht so einfach zu identifizieren. Oft spielen mehrere Faktoren eine Rolle.
Klaus Abraham sieht bei seinen Patientinnen und Patienten, dass ein voller Alltag Kopfschmerzen fördern kann. „Wie viele unverplante Minuten hat ein Schulkind pro Tag? Oft haben sie vier, fünf Aktivitäten in der Woche. Dieses ‚Getaktet-Sein‘ fördert Stress und damit auch Kopfschmerzen.“

Medienkonsum hinterfragen
Abraham regt die Eltern seiner Patienten an, neben dem Freizeitverhalten, den Medienkonsum ihrer Kinder zu hinterfragen. „Das kindliche, noch unreife Gehirn, kann zum Beispiel die schnellen Bildabfolgen in vielen Sendungen nicht so gut bearbeiten.“ Ja, Medien seien aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Eltern sollten aber das richtige Maß im Auge behalten und darauf achten, dass die Inhalte kindgerecht sind.
Wann sollten Eltern mit ihrem kopfschmerzgeplagten Kind zum Arzt? Wenn die Schmerzen über einen Zeitraum von sechs Monaten immer wieder kehren, sagt Klaus Abraham. Viele Eltern kämen mit der Sorge zu ihm, ein Gehirntumor könnte hinter den Schmerzen stecken. „Bei einem Tumor würden meist noch andere neurologische Symptome wie morgendliches Erbrechen, Bewusstseinsoder Sehbeeinträchtigung zu den Schmerzen kommen. Tritt das auf, kommen die Eltern ohnehin schon früher in die Praxis.“ In den allermeisten Fällen stecke Spannungskopfschmerz hinter den Beschwerden. Und der sei mit einigen Änderungen im Alltag meist gut zu behandeln.

Geht Migräne wieder weg?
Migräne kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Die gute Nachricht für betroffene Kinder und Jugendliche: Oft lässt Migräne im Laufe des Heranwachsens nach.
Schmerzmittel ja oder nein?
Je nachdem, was die Ursache der Schmerzen ist. Eine Migräneattacke sollte möglichst früh mit Medikamenten abgefangen werden. „Spezielle Migränemedikamente werden vom Arzt verschrieben“, sagt Klaus Abraham. Bei Spannungskopfschmerzen sollten Schmerzmittel (erste Wahl ist Ibuprofen) aber die Ausnahme sein. „Besser ist es, an der Wurzel anzusetzen und nicht nur die Symptome zu behandeln. Sonst braucht man in Folge noch mehr symptomatische Schmerztherapie.
Was hilft noch?
Pfefferminzöl auf die Schläfen oder Stirn kann den Schmerz lindern. Auch Triggerpunktmassagen können Verspannungen lösen. Wenn Kinder sehr sportlich sind, kann es sein, dass sie ihre Muskeln zwar gut anspannen, aber nicht entspannen können. Entspannungstechniken können hier Abhilfe schaffen.
Wie den Alltag gestalten?
Unabhängig davon, ob Migräne oder Spannungskopfschmerzen: Weniger Stress im Alltag hilft in beiden Fällen. Dazu ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung – all diese Faktoren spielen eine Rolle und können Schmerzen fördern oder lindern.
