Von Stephan Sigg
Soll ich sie ansprechen – aber was, wenn sie mich nicht mag? Soll ich mich für diese Stelle bewerben – aber was, wenn die anderen viel besser qualifiziert sind? Soll ich den anderen sagen, dass ich nicht mit ihrer Meinung einverstanden bin? Oft ist im Alltag Mut gefragt. Auch für jemanden mit etwas mehr Lebenserfahrung fällt das schwer, aber besonders für Jugendliche. Zu groß ist die Angst, zu scheitern, zum Außenseiter zu werden, das Image zu ruinieren oder sogar einen Shitstorm auszulösen. Filme, Serien und Games sind voll von Super-Held*innen. Trotzdem scheint vielen jungen Menschen heute das Selbstvertrauen zu fehlen. Warum ist das so?
Mut trainieren
Offensichtlich sind die fiktiven Superhelden so beeindruckend, dass man sich zu wenig mit ihnen identifizieren kann. Und da diese oft Außergewöhnliches leisten, geht vergessen: Mut braucht es genauso im ganz normalen Alltag – und gerade in alltäglichen Situationen lässt sich Mut trainieren. Mit einer Nachbarin ins Gespräch kommen, die man immer kurzangebunden, wenn nicht sogar abweisend erlebt hat, anstatt sich auf eine Mutprobe einzulassen eine kreative Alternative vorschlagen, wenn einen die beste Freundin versetzt, einfach allein zum ersten Mal zur Chorprobe gehen …

Etwas zutrauen
Trauen wir Jugendlichen genug zu? Viele werden in der Pubertät immer noch als Kind behandelt. An vielen Schulen gibt es mittlerweile Schüler-Parlamente und ähnliche Mitwirkungsmöglichkeiten, aber sonst wird die Meinung der Jugendlichen zu selten gehört. Zu oft wird über ihre Köpfe hinwegentschieden. Wer Jugendlichen etwas zutraut und ihnen die Verantwortung übergibt, ermöglicht ihnen, eigenständig zu werden und sich als selbstwirksam zu erleben.
Es kann konfliktreich werden, wenn man die Jugendlichen bei Entscheidungen rund um Familienpläne, Urlaub & Co mitdiskutieren lässt. Vielleicht werden die Erwachsenen auch mal mit ganz konträren Ansichten konfrontiert. Wenn die Tochter oder der Sohn von einer Idee oder einem Plan erzählt, hilft es wenig, gleich die Stirn zu runzeln und alle Argumente aufzuzählen, warum ihr Vorhaben zu kompliziert oder nicht erfolgsversprechend ist. Selbstverständlich sollen Erwachsene sie für mögliche Risiken sensibilisieren und ihnen aufzeigen, was sie alles bei ihren Entscheidungen mitbedenken sollten. Doch dies muss nicht unmittelbar die erste Reaktion sein.
Wohlwollende Atmosphäre
Jugendlichen fällt es leichter, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln, wenn sie daheim eine positive, wohlwollende Atmosphäre erleben: Sie können ihre persönlichen Meinungen, Gedanken und Haltungen äußern, ohne dass es gleich emotional wird oder sie auf Ablehnung stoßen. So geht es auch zwei Geschwistern in einer Geschichte im Buch „Nur Mut!“ (siehe Mut): Die beiden sind gar nicht begeistert von den Ferienplänen ihrer Tante. Den ganzen Tag mit ihr in Wien Museen besuchen? Viel zu langweilig.
Aber wie ihr das mitteilen, ohne dass es gleich eskaliert? Am Ende sind alle überrascht: die Tante reagiert ganz entspannt und den Jugendlichen wird klar, dass es besser gewesen wäre, sich von Anfang an stärker einzubringen.

Auf Stärken hinweisen
Was sind meine Stärken und wie kann ich mich damit einbringen? Wer sich im Teenageralter damit auseinandersetzt, baut sich ein wichtiges Fundament für die Zukunft. Viel einfacher geht es, wenn andere dabei helfen und einen auf die Stärken aufmerksam machen. Solche Rückmeldungen sind besonders dann wichtige Ressourcen, wenn man wieder mal zu sehr die eigenen Schwächen im Fokus hat und voller Selbstzweifel ist. Wir brauchen mehr Menschen, die uns Mut zusprechen. Genauso ist es eine Chance, Jugendliche dafür zu sensibilisieren, dass sie auch anderen Mut zusprechen können.
Vom Scheitern erzählen
Junge Menschen werden mutiger, wenn sie wissen, dass Scheitern kein Weltuntergang ist. Die Rolle der Eltern, Großeltern und von allen Erwachsenen, die mit Jugendlichen zu tun haben, ist dabei nicht zu unterschätzen: Sie können ihnen erzählen von eigenen Erfahrungen mit dem Scheitern, ihnen die Zusage machen, dass man zu ihnen steht und gemeinsam einen neuen Weg und Optionen findet, wenn etwas nicht so ausgeht wie gewünscht. Die Jugendlichen brauchen keine Ratschläge und Tipps, sondern Personen, die ihnen in herausfordernden Momenten zuhören. Und Personen, die bei einer Niederlage darauf aufmerksam machen, dass man trotz dem Scheitern auch etwas Positives aus der Situation mitnehmen kann. Selbst der coolsten Teenagerin tut es gut, am Frühstückstisch oder am Handy eine Nachricht zu entdecken: «Ich glaub an dich, du schaffst es.»
