Viele Eltern posten Bilder ihrer Kinder – aus Stolz, aus Gewohnheit, manchmal aus Unbedachtheit. Doch mit jedem geteilten Foto entsteht etwas, das im Moment des Klickens kaum jemand bedenkt: eine digitale Spur, die das Kind ein Leben lang begleiten kann. Was heute harmlos wirkt, kann morgen zum Problem werden: ob für die Bewerbung, die erste Liebe oder den späteren Arbeitgeber. „Eltern teilen ein Foto und verlieren die Kontrolle darüber, wer es sieht, speichert oder sogar verändert. Das Internet vergisst nie“, sagt der Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN.
Selbst vermeintlich sichere Tricks wie Emoji-Überdeckungen schützen nicht: KI kann Gesichter rekonstruieren und macht aus harmlosen Familienfotos Daten, die das Kind später kaum mehr löschen kann, so Buschmann. Aus über 1.500 Workshops mit mehr als 50.000 Teilnehmenden weiß der Experte: Das Bewusstsein für die Risiken wächst, aber die Technik entwickelt sich schneller, und mit ihr das, was ein einzelnes Foto über ein Kind preisgibt.
Eine Entscheidung, die Kinder noch gar nicht treffen können
Doch es gibt einen zweiten Punkt, der für Buschmann schwerer wiegt als jede Datenschutzfrage: Kinder haben ein Recht auf Selbstbestimmung – nicht nur über ihren Körper, sondern auch über ihr digitales Ich. Doch wie sollen Kinder einschätzen, ob es gut für sie ist, wenn sie noch gar nicht die kognitiven Fähigkeiten haben, die Folgen abzuschätzen? „Nur weil ein Kind nicht ‚Nein‘ sagen kann, heißt das nicht, dass es in Ordnung ist“, betont Buschmann. Während körperliche Autonomie – etwa das Recht, eine Umarmung abzulehnen – in Familien längst selbstverständlich ist, gilt das für Fotos noch nicht.
Auch politisch ist das Thema in Bewegung – die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat am 25. Februar 2026 eine Stellungnahme zu „Sharenting und Kinderinfluencer“ vorgelegt und unter anderem Altersgrenzen, ein Verbot beschämender Inhalte, Löschrechte und Treuhandkonten für monetarisierte Inhalte gefordert. Bis dahin liegt die Entscheidung im Alltag bei den Eltern.

Was Eltern konkret tun können
Florian Buschmann rät dabei zu drei Schritten: das Kinde altersgerecht in die Entscheidung einbeziehen – etwa ab dem Grundschulalter, wenn es die Frage verstehen und seine Meinung äußern kann, und ein Nein akzeptieren; Gesichter, Schulnamen, Vereinstrikots und Ortsmarken lieber weglassen als sie nachträglich zu überdecken; und die Reichweite begrenzen, also den geschlossenen Familienverteiler statt des offenen Status wählen. „Es geht nicht darum, keine Bilder mehr zu machen“, sagt der Experte. „Es geht darum, dass das Kind irgendwann selbst entscheiden kann, was von ihm im Netz zu sehen ist.“
Über Florian Buschmann
Florian Buschmann (Psychologie B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen. Er begleitet Familien, deren Kinder von einer kritischen oder krankhaften Mediennutzung betroffen sind, gibt ihnen Halt und Stabilität – und trägt so zum Erhalt beziehungsweise zur Wiedergewinnung ihrer psychischen Gesundheit bei


