HANNES GUTMANN, 61, Bio-Pionier und Gründer von Sonnentor
Mein Vater – er lebt leider nicht mehr – war ein sehr einfacher Mensch. Ich bin auf einem Waldviertler Bauernhof aufgewachsen. Diese Einfachheit hat sich auch in der Erziehung gezeigt. Ich meine das positiv.
Mit 5 Kindern auf einem kleinen Bauernhof gab es nicht alles. Uns wurde Bescheidenheit vermittelt, nicht alles haben zu müssen. Im Speck aufwachsen ist ja sehr einfach. So aufzuwachsen, dass man aus nichts was macht, das ist etwas anderes. Das versuche ich auch meinen Kindern vorzuleben. Sie zu begleiten. Meine beiden Töchter aus erster Ehe sind ja schon 30 und 37 Jahre alt. Aus zweiter Ehe habe ich eine 15-jährige Tochter und zwei elfjährige Zwillingsbuben. Meine zweite Frau ist aus einem ähnlichen Holz geschnitzt wie ich, auch sie stammt aus einer landwirtschaftlichen Familie. Das Bäuerliche hat uns beide geprägt. In meiner Rolle als Vater versuche ich meinen Kindern vorzuleben, dass man nicht alles hat und dass man das, was man hat, selbst geschaffen hat, weil man sich bemüht hat, vielleicht auch, weil man mehr geleistet hat als andere.
Dass es aber nicht darum geht, etwas zu besitzen. Das kann ja alles schnell weg sein. Das großartigste Auto ist von Hundert auf Null nichts mehr wert, wenn du es in den Graben gefahren hast. Wichtig ist mir, das Sorgsame, das Langfristige weiterzugeben. Dazu helfen mir viele gute Ratschläge meines Vaters, für die ich oft belächelt werde. Aber das ist mir Wurscht.
Seine Sprüche, sein Tun und die bauernschlauen Weisheiten seiner Welt wirken weiter auf mich. Zum Beispiel hat er immer gesagt: „Wenn’st die Papp’n nicht aufmachst, musst das Geldbörsel aufmachen!“ Oder „Dreizehn Handwerke, vierzehn Bettler!“. Das bedeutet auf Waldviertlerisch so viel wie: Wenn du 13 Handwerke beherrschst, wirst du am Ende ein Bettler sein. Konzentriere dich auf weniges, versuche nicht alles zu tun. Oder: „Wenn du dich für andere zum Esel machst, will jeder auf dir reiten.“ Wie gesagt: Dafür werde ich oft belächelt. Aber das ist mir Wurscht.
Mein Ziel ist es vorzuleben, ein Beispiel abzugeben, aber zu machen! Dazu gehört auch, wo anzurennen. Jeder muss seine Erfahrungen selbst machen. Es hilft nichts, den Kindern alles abnehmen zu wollen. Als Vater – und wohl auch als Mutter – wächst du im Loslassen.

VIOLETTA PARISINI, 45, Liedermacherin
Meine Mutter ist früh gestorben, ich war erst vier. Mein Vater war also alles in einem. Er hatte zwar viel weibliche Hilfe und ich tolle weibliche Bezugspersonen, er war aber trotzdem immer meine Hauptbezugsperson. Ich hab’ mich sehr mit ihm identifiziert – und wahrscheinlich auch deshalb lange nicht realisiert, dass der männliche Blick auf die Welt, der in so vielen Filmen und Büchern dominiert, nicht mein Blick ist. Jetzt ist mein Vater 84 und unsere Beziehung ist sehr gut. Wir können über sehr vieles reden, vielleicht sogar über alles. Wir führen regelmäßig persönliche Gespräche darüber was uns wirklich beschäftigt, kein oberflächliches Quaqua. Jetzt wird er langsam alt, das schmerzt alle Beteiligten. Gleichzeitig ist er noch unglaublich fit für sein Alter, schnell im Kopf und sehr gebildet. Es gibt Dinge, da frage ich ihn um Kontext – Politik und Wirtschaft beispielsweise –, da kennt er sich sehr gut aus. Ich erinnere mich daran, als ich ihm gesagt hab’, dass ich ein Kind erwarte. Er hat gesagt, dass er sich wahnsinnig freut, dass ich diese Erfahrung machen werde. Nach der Geburt habe ich dann meine Mutter schmerzhaft vermisst.
Dieses weibliche Element konnte er nicht ersetzen. Meine eigene Mutterschaft war anfangs also überschattet von meiner Trauer um meine Mutter. Mein 2020 erschienenes Album „Alles bleibt“ habe ich in postnataler Depression geschrieben. Auch das im Vorjahr erschienene Album – „I used to have nothing to lose but now I have you“ – hat das Muttersein zum Thema. Hat mein Vater meine Mutterschaft geprägt?
Ich weiß es nicht. Sein Vorbild hat dazu geführt, dass ich mir einen Mann ausgesucht hab’, der ein sehr präsenter Vater ist. Da bin ich mir sicher. Meine Kinder sind schon 10 und 13 Jahre alt und ich merke, wie ich mir wünsche, dass sie noch viel Zeit mit ihm verbringen und seine Sicht auf die Welt kennenlernen. Er hat was sehr Strenges, was sehr Zärtliches, Liebevolles. Er denkt sehr oft auf eine Art, die ich sonst nicht kenne. Er versucht, Dinge differenziert wahrzunehmen und gibt mir sehr oft eine neue Perspektive auf Dinge, über die ich selbst nachdenke.
Das wünsche ich mir auch für meine Kinder. Ich höre oft, dass ich ihm in vielen Belangen sehr ähnlich bin. Das stimmt. Er hat mir seinen Idealismus mitgegeben, seine Strenge und Gewissenhaftigkeit. Er denkt viel, er zweifelt viel. Ich denke viel und zweifle viel. Und ich merke, ich habe als Mutter viele Anteile davon, wie er als Vater war – auch wenn Geschlechterrollen sehr tief in uns drin stecken, selbst wenn wir nicht ganz binär denken.

BENEDIKT MITMANNSGRUBER, 29, Kabarettist
Jeden Sonntagvormittag hat mein Papa mit meinen zwei Cousins und mir einen zweistündigen Spaziergang durch die Natur gemacht. Außerdem hat er mir auf einem Feld oberhalb unseres Hauses ein Fußballtor gebaut. Dort haben wir regelmäßig gespielt, ich war meistens Iker Casillas. Mein Vater war handwerklich so unfassbar begabt und konnte einfach alles.
Es gab eigentlich selten ein Problem, das er nicht lösen konnte. Außerdem hat er fast seine gesamte Freizeit für Vereine geopfert. Er war meine ganze Kindheit über Fußballtrainer und hat in dieser Funktion viel mehr getan, als er eigentlich tun musste. Einige Kinder, die er damals trainiert hat, spielen mittlerweile in der Oberösterreich-Liga bei sehr guten Vereinen. Mein Papa war ein extrem talentierter Trainer. Aber er war immer zu bescheiden, um noch mehr daraus zu machen. Sein eigener Erfolg war ihm überhaupt nicht wichtig, ihm ging es immer viel mehr um die Kinder und Jugendlichen, die er trainiert hat.
Geld und Materialismus waren bei uns nie wichtig. Mein Papa war eigentlich ein sehr untypischer Mann am Land. Autos waren ihm immer egal, außerdem trank er kaum bis keinen Alkohol. Ihm war es sehr wichtig, dass man anderen Menschen hilft und sich selbst hintenanstellt. Deswegen war er jeden Sommer auf irgendeiner Baustelle und hat dort freiwillig geholfen. Außerdem war es ihm wichtig, dass ich verstehe, wie hart manche Menschen ihr Geld verdienen. Daher musste ich einen Sommer lang auf einer Baustelle einen Ferialjob machen. Kurzzeitig habe ich ihn dafür gehasst, aber im Nachhinein verstehe ich, was er mir damit beibringen wollte.
Meine ganze Familie ist sehr lustig und wir haben alle einen eher absurden und schwarzen Humor. Mein Vater war immer ein sehr großer Kabarettfan. Er hat mir zuhause ständig Videos von Josef Hader gezeigt. Ich hatte eigentlich nie den Gedanken, nicht so wie mein Vater werden zu wollen. Ich bewundere ihn für sehr vieles. Ich helfe sehr gerne anderen Menschen und würde sagen, dass ich ein sehr sozialer Mensch bin – das habe ich sicher von ihm übernommen. Ein Satz von ihm ist mir besonders geblieben: „Geht nicht, gibt’s nicht!“
Wir haben wirklich ein sehr gutes Verhältnis und telefonieren mehrmals die Woche. Wenn ich zuhause bin, schauen wir auch öfters Filme. Meistens schläft er aber nach drei Sekunden ein. Außer bei „Rambo“. Das ist sein Lieblingsfilm. Von Anfang an hat er sehr gut darauf reagiert, dass ich Kabarettist geworden bin. Er war immer stolz, hat sich jeden Auftritt angeschaut und allen Verwandten und Nachbarn meine Videos gezeigt.
Außerdem wurmt es ihn nach wie vor extrem, wenn mich jemand nicht lustig findet. Das trifft ihn mehr als mich.
Wenn ich selbst einmal Kinder habe, möchte ich ihnen dieselben Werte beibringen. Materialismus hat keinen Wert. Es ist viel wichtiger, anderen zu helfen, als sich selbst zu bereichern.
www.benediktmitmannsgruber.com

SUSE LICHTENBERGER, 50, Schauspielerin und Comedian („Lockdown Linde“)
Ich komme aus einer ganz normalen deutschen akademischen Kleinfamilie. Das Tolle bei uns zu Hause war: Mein Vater war Schuldirektor, meine Mutter Lehrerin. So ging es, dass wir als Familie jeden Tag drei Mahlzeiten gemeinsam gegessen haben.
Es war sehr harmonisch. Weshalb ich das Gefühl habe, dass wir sehr viel Zeit miteinander verbracht haben – obwohl mein Vater nicht mit uns zum Sport gegangen wäre, er uns wohin gebracht oder uns vorgelesen hätte. Er kann auch nicht kochen. Wenn meine Mutter nicht da war, sind wir zum Mäci gegangen oder es gab zu Hause Toast Hawaii. Heute ist es in vielen Familien so, dass die Zeit, die man mit Kindern verbringt, oft sehr aufs Sinnstiftende orientiert und alles auf Aktivitäten ausgerichtet ist. Das ist gar nicht unbedingt nötig und erzeugt manchmal eine Art Freizeitstress. Das war früher definitiv anders. Das habe ich im Umgang mit meinen drei Kindern übernommen: Wir haben die Kinder einfach machen lassen. Niemals hätte jemand mit mir oder meinem Bruder gelernt. Meine Eltern waren nie auf einem Elternsprechtag – obwohl beide Lehrer*innen waren. Mein Mann und ich haben das glücklicherweise genauso handhaben können – und jetzt maturiert gerade die Jüngste. Wir haben auch nie großartig Programm geboten, wir sind einfach da, machen unser Ding. Das einzige Spiel, das ich je mit meinem Vater gespielt habe, ist Skat. Das haben wir dafür sehr oft gespielt. Meine Eltern leben beide noch, ich habe ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihnen. Das ist richtig schön. Wir leben in Wien, meine Eltern leben sehr schön im Schwarzwald. Mein Mann und ich sind beide freischaffende Künstler*innen. Wir haben viele Wochen bei ihnen als günstigen Urlaubsort verbracht. Das hat auch den Kontakt meiner Eltern zu ihren Enkelkindern gestärkt. Auch jetzt tauschen sie sich miteinander über WhatsApp aus – wobei da meine Mutter die treibende Kraft ist.
Mein Vater ist mittlerweile 88 Jahre alt, hat gerade einen Herzschrittmacher bekommen. Da wird einem die Endlichkeit langsam bewusst. Aber ich weiß, wenn er irgendwann geht: Da fehlt nichts. Es wird sehr gut gewesen sein. Und auch bei uns zu Hause gibt es Toast Hawaii.

MARCOS NADER, 36, Boxer und Boxclub-Betreiber („Bounce“)
Ich bin auf Ibiza geboren, meine Mutter ist Serbin, mein Vater Österreicher, sie sind damals nach Spanien ausgewandert gewesen. Mittlerweile leben sie auch wieder in Wien und sind in Pension. Er war Unternehmer, meine Mutter hat als Krankenschwester gearbeitet. Meine Geschwister und ich haben alles gehabt. Wir sind sehr wohlbehütet aufgewachsen. Mein Vater war an einem LKW-Unternehmen beteiligt, war auch selbst viel im LKW unterwegs, aber er hat mich oft mitgenommen. Das war auch damals nicht üblich, dass ein Kindergartenkind mit dem LKW nach Spanien oder nach Sizilien mitfährt. Uns Kindern gegenüber war mein Vater auf eine lockere Art streng. Das heißt: streng, wenn wir den Bogen überspannt haben, sonst sehr lustig. Auch heute ist das Verhältnis zu meinen Eltern innig. Wir sehen uns ein bis zweimal in der Woche. Seit mein Vater in der Pension ist, hilft er mir auch im Boxstudio. Er ist mehr oder weniger Zeugwart und Hausmeister. Jeden Freitag holt er meine Kinder – sie sind ein, drei und
acht Jahre alt – ab. Er ist auch als Opa sehr präsent. Was er mir mitgegeben hat: Nix verschweigen. Man kann über jedes Problem reden und damit zu ihm kommen. Das ist mir auch in der Kommunikation mit meinen Kindern wichtig: dass sie wissen, wenn sie Scheiße bauen, sie können immer zu uns Eltern kommen.
Instagram: @marcosxnader

