Wenn eine Mutter an Bulimie oder einer anderen Essstörung leidet, betrifft das nie
nur sie allein. Die Essstörung sitzt oft unsichtbar mit am Familientisch. Sie zeigt sich
nicht nur im Essen, sondern in Scham, Kontrolle, Rückzug, Erschöpfung und in dem
ständigen Versuch, nach außen perfekt zu funktionieren.
Ich weiß, wovon ich spreche. Fast 20 Jahre lang war die Bulimie meine treuste
Begleiterin und mein bestgehütetes Geheimnis. Nach außen wirkte vieles normal.
Ich organisierte, war leistungsfähig, angepasst, kontrolliert. Innerlich aber war ich
gefangen in Gedanken rund um Essen, Körper, Erbrechen, Verstecken und
Selbstabwertung.
Gerade dieses Doppelleben ist für Kinder schwer zu verstehen. Denn Kinder spüren
viel mehr, als Erwachsene glauben. Sie merken, wenn nach dem Essen plötzlich
Stille entsteht. Sie nehmen wahr, wenn Mama angespannt ist, sich zurückzieht oder
innerlich nicht wirklich erreichbar ist. Auch wenn niemand darüber spricht, ist die
Spannung ständig präsent.
Kinder suchen die Schuld oft bei sich
Kinder können eine Essstörung nicht einordnen. Sie wissen nicht: Mama kämpft
gerade gegen Scham, Druck oder einem alten inneren Muster. Sie spüren nur, dass
etwas nicht stimmt. Und weil Kinder die Welt sehr stark auf sich beziehen, fragen sie
sich schnell: Habe ich etwas falsch gemacht? Bin ich zu laut? Muss ich helfen?
Muss ich braver sein?
Genau das macht eine Essstörung im Familiensystem so belastend. Kinder
übernehmen oft Rollen, die ihnen nicht gehören. Manche werden besonders
angepasst, besonders still oder besonders wachsam. Andere reagieren mit Wut,
Rückzug oder körperlichen Beschwerden. Das ist kein „schwieriges Verhalten“,
sondern häufig ein Versuch, mit Unsicherheit umzugehen.
Mir ist deshalb wichtig: Kinder brauchen keine perfekte Mutter. Aber sie brauchen
eine echte. Sie brauchen altersgerechte Wahrheit. Nicht jedes Detail, nicht jede
Schwere, aber klare, entlastende Worte. Ein Satz wie „Mama geht es gerade nicht
gut, aber du bist nicht schuld und du musst das nicht lösen“ kann für ein Kind
unglaublich wichtig sein.
Schweigen schützt Kinder selten. Es macht das Unsichtbare oft noch größer. Wenn
Worte und Wirklichkeit nicht zusammenpassen, entsteht Verunsicherung. Mama sagt
vielleicht: „Alles ist gut“, doch ihr Körper, ihre Stimmung und ihr Blick erzählen etwas
anderes. Kinder spüren diese Lücke. Und oft füllen sie sie mit Angst.

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Essen darf kein Prüfstand sein
Ein besonders sensibler Bereich ist der Familientisch. Dort treffen Alltag, Beziehung
und Essstörung direkt aufeinander. Gut gemeinte Sätze wie „Iss doch noch etwas“,
„Du bist aber dünn geworden“ oder „Du hast zugenommen“ können tiefer treffen, als
viele ahnen. Für jemanden mit einer Essstörung ist ein Kommentar über Gewicht
oder Essverhalten oft extrem schmerzhaft und triggernd.
Deshalb wünsche ich mir für Familien mehr Bewusstsein. Essen sollte kein Ort der
Kontrolle sein. Kein Ort für Vergleiche, Druck oder Körperkritik. Kinder lernen nicht
nur durch das, was wir ihnen sagen, sondern vor allem durch das, was wir ihnen
vorleben. Wenn der eigene Wert ständig an Leistung, Aussehen, Disziplin oder
Kontrolle geknüpft ist, prägt das auch Kinder.
Das bedeutet nicht, dass Sie als Mutter alles richtig machen müssen. Es bedeutet
nicht, dass Sie nie unsicher, überfordert oder traurig sein dürfen. Im Gegenteil:
Beziehung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Wahrhaftigkeit. Kinder
profitieren davon, wenn Erwachsene Verantwortung übernehmen und sich Hilfe
holen.
Auch Angehörige dürfen wissen: Helfen heißt nicht kontrollieren. Es hilft selten,
Essen zu überwachen, Druck zu machen oder ständig nachzufragen. Hilfreicher ist
es, liebevoll da zu bleiben, Grenzen zu setzen und professionelle Unterstützung ins
Familiensystem zu holen. Eine Essstörung ist keine Charakterschwäche. Sie ist
meist ein tief verankertes Bewältigungsmuster, das verstanden und begleitet werden
will.
Für betroffene Mütter ist mir eine Botschaft besonders wichtig: Für einen Ausstieg ist
es nie zu spät. Auch nach vielen Jahren ist Veränderung möglich. Der Weg in die
Freiheit beginnt oft nicht mit noch mehr Disziplin, sondern mit einem ehrlichen
Moment. Mit dem Eingeständnis: So kann und will ich nicht weiterleben.
Ich habe selbst erlebt: Je weniger ich denke und kontrolliere, umso leichter wird
mein Leben. Und genau darin liegt Hoffnung – nicht nur für die betroffene Frau,
sondern für die ganze Familie. Wenn eine Mutter beginnt, sich nicht länger zu
verstecken, verändert sich mehr als ihr Umgang mit Essen. Dann entsteht Raum für
Wahrheit, Nähe und Beziehung. Und Kinder dürfen wieder spüren: Ich bin nicht
schuld. Ich muss Mama nicht retten. Ich darf einfach Kind sein.
Über die Autorin
Andrea Ammann ist Mentorin für Frauen mit Essstörungen und gilt als Stimme für
stille Krisen hinter perfektem Funktionieren. Nach fast zwanzig Jahren eigener
Bulimie-Erfahrung lebt sie heute seit über zwei Jahrzehnten stabil und in allen
Lebensbereichen frei. Sie begleitet leistungsstarke Frauen, die im Außen alles im
Griff haben – und im Inneren nicht mehr können. Ihre Arbeit steht für Tiefe,
Wahrhaftigkeit und die Rückkehr zu echter, gelebter Freiheit.

© Andrea Ammann
